Vietnam in Bayern: »Mein Vietnam« von Tim Ellrich und Thi Hien Mai

Kann man in einem Land leben, seinen Unterhalt verdienen und dennoch sozial weitgehend isoliert bleiben? Man kann, sagen Tim Ellrich und Thi Hien Mai und zeigen es in ihrem Dokumentarfilm, der beim digitalen Filmfestival Max Ophüls Preis, dem hierzulande ersten Filmfest in diesem Jahr, seine deutsche Premiere erlebt.

Seit dreißig Jahren leben Thi Bay Nguyen und Trung Tam Mai in München. Die vielen Grünpflanzen im Wohnzimmer scheint das Ehepaar aus Vietnam mitgebracht zu haben. Und auch sonst befinden die beiden sich in ihrer Wohnung mehr in Vietnam als in Bayern. Gesprochen und gekocht wird nur vietnamesisch. Mitunter kommt die erwachsene Tochter zu Besuch und müht sich, der Mutter etwas Deutsch beizubringen. Beim gemeinsamen Essen sind die in der Heimat gebliebenen Großeltern samt Familie mit dabei: einen Platz am Tisch nimmt ein Laptop ein, das über Skype mit der fernen Heimat verbunden ist.

Und was ist mit ihrer Arbeit? Bay und Tam putzen gemeinsam Wohnungen sowie Büros und Läden in aller Herrgottsfrühe. Etwaige Begegnungen mit vorzeitig ankommenden Beschäftigten spart sich der Film aus, um die Isolation der beiden zu betonen. Sie wären allerdings interessant gewesen. Es zeigt aber auch, dass ein Dokumentarfilm eben inszeniert ist, selbst wenn sich die Inszenierung nur auf die Auswahl dessen beschränkt, was gezeigt wird.

Auf jeden Fall weckt »Mein Vietnam« Mitgefühl beim Zuschauer. Ganz besonders, wenn Bay Krankheit und Tod ihrer Schwester hilflos aus der Ferne miterlebt und bei der Beerdigung wegen technischer Probleme nicht einmal übers Internet dabei sein kann. Auch treten die Differenzen zwischen den Ehepartnern langsam zu Tage. Sie hat sich mit dem Leben in Deutschland abgefunden, will ihre Tochter und das ganz junge Enkelkind nicht verlassen. Er vermisst hingegen Familie und Freunde und will am liebsten zurück nach Vietnam. Über sein Heimweh hilft ihm das süffige Helle aus der Augustinerbrauerei hinweg, das in vielen Einstellungen (Kamera: Tim Ellrich) zu sehen ist.

Der Dokumentarist beschäftigt sich derzeit mit seiner Diplomarbeit an der renommierten Filmakademie Baden-Württemberg, seine Koregisseurin Thi Hien Mai arbeitet am Frankfurter DIF, dem Deutschen Filminstitut & Filmmuseum,  an einem Integrationsprojekt für Einwanderer. Mit ihrer Familiengeschichte will sie Einblick geben in ein Leben zwischen zwei Welten, einer alten und einer neuen Heimat, von der es ein wenig zweifelhaft ist, ob sie sogar nach dreißig Jahren Heimat geworden ist.

»Mein Vietnam« ist ein wohltuend unaufgeregter Film ohne Werturteil. Aus den Alltagsbeobachtungen der Vor-Coronazeit entsteht ein einfühlsames Porträt, wie es so schön heißt. Die politischen Konsequenzen, die sich aus dem Gezeigten ergeben, sind allerdings weniger beruhigend. Kann eine Gesellschaft, in der die Einheimischen zu den »niederen Arbeiten«  nicht bereit sind, mit so einer Aufteilung auf die Dauer bestehen? Was geschieht in einer Krise? In der derzeitigen Corona-Pandemie sollte das vietnamesische Paar jedenfalls die wichtige Aufklärung von der Tochter und aus Vietnam bekommen, wo ähnliche Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung anstehen dürften.

 

Claus Wecker

 

 

MEIN VIETNAM
von Tim Ellrich und Thi Hien Mai, A/D 2020, 70 Min.
Dokumentarfilm
Der Film ist im Rahmen des Filmfestivals Max Ophüls Preis ab 18. Januar um 10 Uhr im Internet verfügbar. Tickets gibt es unter https://ffmop.cinebox.film/
Von 18.01.–22.01.2021 gibt es die Möglichkeit für Festival-Filme im Publikumsvoting abzustimmen. Der Film ist bis 24.01.2021 online.

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