Theaterhaus: Kortmann & Konsorten zeigen Wedekinds Pubertätsdrama »Frühlings Erwachen«

Der erste Kuss, das erste Mal und der plötzlich fremde eigene Körper; Scham und Scheu, Versagensängste und Minderwertigkeitskomplexe. Frank Wedekinds zunächst verbotenes Pubertätsdrama aus dem Jahr 1891 spricht das alles an und gilt deshalb heute als zeitloser Klassiker. Und dennoch ist stets Vorsicht angesagt, wenn Theater versuchen, die delikaten Konflikte Heranwachsender aus der Zucht-und-Ordnungswelt des Wilhelminismus in die überaufgeklärte Gegenwart des Neoliberalismus zu übertragen. Vielleicht liegt darin der Grund, dass das Stück eine kleine Ewigkeit nicht mehr bei uns zu sehen war, zuletzt als Rockmusical 2016 in Wiesbaden und als Theaterstück 2012 bei der Theaterperipherie. Jetzt nimmt sich die durch eigenwillige Regiehandschriften profilierte Theatermacherin Sarah Kortmann mit ihrem Ensemble Kortmann & Konsorten des Stoffes an. Für ihre letzte Arbeit im Bereich Kinder- und Jugendtheater »My Malala« hat sie den städtischen Förderpreis Karfunkel erhalten.
Wedekinds »Kindertragödie«, die nun im Theaterhaus in der Schützenstraße zu sehen sein wird, handelt von den ersten aufregenden Erfahrungen, die eine Gruppe von 14-jährigen Schülern mit ihren aufblühenden Trieben macht. Und sie mündet in einer vom Versagen ihrer Eltern und Erzieher sowie der eigenen Unfähigkeit geprägten Tragödie mit einer fatal endenden Abtreibung und dem Selbstmord eines Jungen.
Die im Heute spielende Inszenierung, so lässt uns die Konsortin Lucia Primavera (Dramaturgie) wissen, konzentriert sich auf die Perspektive der Jugendlichen und lässt zwar nicht die Welt der Erwachsenen, aber die erwachsenen Figuren außen vor. Stattdessen werde die Sicht auf die Protagonisten Melchior, Moritz und Wendla und ihr unterschiedliches Erleben des Geschehens fokussiert. Zentrale Szenen würden mal aus der einen und dann aus der anderen Perspektive gezeigt. Was geht in Wendla vor, wenn sie sich von Melchior ohrfeigen lässt, um auch einmal Schmerz zu spüren? Und was passiert mit Melchior, wenn er dabei immer aggressiver wird? Was denken beide, wenn sie sich lieben, von sich. Die mit Musik unterfütterten Wiederholungen gelten nicht nur der Diskrepanz zwischen dem jeweiligen Selbstbild der Protagonisten und dem, was der jeweils andere von diesem hat. Sie eröffne jungen Zuschauern auch die Möglichkeit, unmittelbar Parallelen zu zu eigenen Erfahrungen zu ziehen. Und älteren gewiss auch.
Als Kristallisationspunkt einer eher episodischen als chronologischen Darstellung habe die Regisseurin eine Party am See ausgemacht, was sich auch in dem von ihr entworfenen Bühnenbild wiederspiegeln werde. Ein Idyll, das fern von Schulstress und Erwartungsdruck der Eltern, die Träume von Freiheit und Entfaltung aufleben lässt und gerade deshalb zum Ausgangspunkt der tragischen Verstrickungen wird.
So eng die Inszenierung dem Text verbunden bleibe, so frei allerdings werde sie mit der Handlung verfahren, lässt Primavera wissen. Ganz so ahnungslos wie die Wedekind-Wendla werde heute kein Mädchen mehr schwanger oder gar Opfer eines s Engelmachers. Neben dem Kerntrio Moritz (Gregor Andreska), Melchior (Ole Bechtold, der auch die musikalische Leitung hat) und Wendla (Melissa Breitenbach) vereinigen Ilma (Daniela Fonda) und Rio (Marius Schneider) jeweils mehrere Figuren in sich.

Winnie Geipert (Foto: © Nico Neuhaus)
Termine:
24. Oktober, 19 Uhr; 25. Ok., 9 + 11 Uhr; 28. Okt., 11 Uhr; 30. Okt., 9 + 11 Uhr
www.theaterhaus-frankfurt.de
www.kortmann-konsorten.com

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