Staatstheater Darmstadt: »Drei Schwestern« im Covid-19-Format

Immer mal wieder, wenn heute ein Tschechow spielt, steht zu lesen, dass der Autor seine Arbeiten als Komödien verstand und sich fürchterlich habe aufregen müssen über das, was der Regisseur seiner Moskauer Uraufführungen, Konstantin Stanislawski, daraus gemacht habe. »Ich wollte anderes«, wird Anton Tschechow auch im (sehr guten) Begleitheftchen zur Darmstädter Inszenierung von »Drei Schwestern« (Regie: Katrin Plötner) zitiert. Man denkt sofort an die aktuellen Diskussionen um das deutsche Regietheater – aber vielleicht nicht ganz zu recht.
Dass ein Text meist weit mehr weiß als sein Verfasser, beschäftigt nicht von ungefähr ganze Seminarreihen an der Uni. Generationen von Regisseuren haben »Drei Schwestern« seit 1893 als Sehnsuchtsdrama inszeniert, und Generationen von Theaterbesuchern haben es als einen zeitlosen Ausdruck der Sinnsuche des Lebens goutiert.
Versuche, das Werk im vermeintlich wahren Sinne Tschechows aus den melodramatischen Angeln zu heben, sind indes en vogue, tun sich aber nicht eben leicht. Auch in Darmstadt nicht, wo der ursprünglich schon im März zur Premiere stehende Vierakter nun um gut ein Drittel, auf rund 100 Minuten gekürzt und neu justiert werden musste. Die permanenten Verrenkungen, mit denen die Protagonisten dieser Covid-19-Version überraschen, könnten auch dafür stehen. Warum sollten nicht auch ein Stück mehr wissen als seine Macherin?
Dabei beginnt die Inszenierung überaus konventionell. Im Dunkel zu Kerzenlicht erklingt ein russisches Trauerlied. Doch erwartet uns kein Birkenwald, kein Samowar und auch kein Glas mit eingelegten Gurken, sondern die goldgelbe Leere der von einem schräggestellten riesigen Spiegel begrenzte Bühne Camilla Hägebarths im Nirgendwo und Nirgendwann. Drei Jahre im Leben der verwaisten Geschwister Prosorow stehen nun an, eingerahmt von der Ankunft und dem Abzug einer neuen Kompanie in dem russischen Garnisonsstädtchen, das auch die letzte Berufsstation ihres Vaters, eines Leutnants, war. Tief in die engen Lebensverhältnisse der Provinz verstrickt, wird zumindest das ferne Moskau, die Stadt ihrer Geburt und Kindheit, zum Synonym für Befreiung. Insbesondere die Jüngste, Irina (Edda Wiersch), gerade 20, glaubt an »Nach Moskau! Nach Moskau!«. Olga (Antonia Labs), frustriert alleinstehend; Mascha (Marielle Layher), frustriert verheiratet, klingen deutlich weniger euphorisch, ihr Bruder Andrej (Hans-Christian Hegewald), bar jeden Lebensnervs, scheint längst von der Realität gebrochen.
Auf der Bühne haben wir es mit völlig überdrehten Kunstfiguren zu tun, die sich – mehr barock als commedia dell’arte – permanent in Gefühlsposen winden und zu Boden werfen, dieweil uns im Saal der bühnenbreite Spiegel dies aus der Vogel- oder der Götterperspektive serviert. Wie den Bewohnern des Olymps erscheint uns das vergebliche Mühen und Leiden von Tschechows Figuren um ein bisschen Lebensglück als lächerliches Gezappel: Ausdruck des Kontrasts ihres unentwegten Sinnens zur völligen Handlungsunfähigkeit. Tschechows Sehnsucht bleibt in den phantastischen historischen Ballkostümen von Johanna Hlawica stecken, die so wenig zur Kulisse passen, wie die Hochplateau-Schuhe des Schwesterntrios.
Zum Glück auch für den Zuschauer tritt das manierierte Zappeln und Arme-Werfen davon bald zugunsten der Handlung, besser: des Geschehens zurück, was den Figuren guttut und vor allem Antonia Labs als Olga und Edda Wierschs Irina starke Kontur verleiht. Um Mathias Znidarec als philosophierendem Irina-Verehrer Tusenbach hat man anfangs gar Angst, bevor er denn doch glücklich die Bühnenkurve kriegt. In jedem Sinne standfest weiß dagegen Katharina Knap als Gast in der Rolle von Andrejs Frau Natalja das Haus der Prosorows zu okkupieren. Die beiden Darmstädter Urgesteine Karin Klein und Hubert Schlemmer haben als feudelbewehrter Putzteufel Anfissa und als natürlich Atemschutzmaske tragender Militärarzt Tschebutykin nicht zwingend die dankbarsten Rollen, machen aber sicher das Beste draus. Am wenigsten dürfte wohl Victor Tahal mit den Kürzungen zufrieden sein. Warum sein blass bleibender Soljony den Beinahe-Gatten Irinas mit tödlicher Folge duelliert bleibt ein einziges Rätsel.
Dass Irina im Schluskapitel in Luthermanier ein Zukunftsbäumchen pflanzt, ist eine schöne Setzung der Regie und nach 100 wundersamen und unterhaltenden Minuten denn doch deutlich mehr als nur ein Augenzwinkern. Tschechow eben.

Winnie Geipert (Foto: © Robert Schittko)

Termine: 17. Oktober, 20 Uhr
www.staatstheater-darmstadt.de

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