Staatstheater Darmstadt: Das Hessische Staatsballett tanzt »Fake« für Jugendliche und ihre Fans

Wir sehen grüne und gelbe Schlafsäcke, aus denen sich langsam junge Körper räkeln. Es ist eine Szene, die wohl jeder der hier angesprochenen Jugendlichen ab zwölf Jahren vom Zelten kennt. Und die jeder versteht, der diese Schlafsäcke mit Raupen zu assoziieren vermag, die sich in Schmetterlinge verwandeln. Eine Metamorphose, die beim Menschen Pubertät oder Adoleszenz heißt und von den Heranwachsenden selbst meist als Achterbahn der Gefühle erlebt wird, auf der sie erst herausfinden müssen, wer sie sind. Ausnahmezustand ohne Sperrstunde für die Triebe.
»Fake« heißt dieses neue Tanzstück des Hessischen Staatsballetts, das im Juni bereits in Wiesbaden Premiere feierte und jetzt in Darmstadt die neue Spielzeit eröffnet. Tim Plegge, der Compagnie-Chef, hat es selbst choreografiert und explizit als ein Stück für – und nicht über – Jugendliche bezeichnet, und auch die »Fans« einbezogen. Tänzerisch wird »das Ich als Baustelle« abgeklopft, auf der es nicht eben schmerzlos um Selbstfindung, sexuelle Orientierung und Rollenbilder geht. Sein Titel spielt wohl auf die tausenderlei Masken an, hinter denen man sich in der Zeit der Unsicherheit gerne verbirgt, glücklich gewählt scheint die inflationär benutzte Wendung nicht. Die Inhalte hat Plegge aus eigener Feldforschung wie auch mit den Schülern zweier Patenklassen, die die Produktion begleiteten, entwickelt.
Bevor die zwölf Tänzer und Tänzerinnen des Ensembles sich Träumen und Tränen, Krächen und Krisen widmen, erleben wir sie als Gruppe mit einer Art Warm-up im Techno-Sound. Noch fließt es, noch reißt es alle mit. Ein paar Selfies mit der besten Freundin und dem Buddy, mit allen. Dann aber vollzieht sich ein Bruch, wenn jeder und jede einzeln vor einem gewaltigen elektronischen Apparat nach Geschlecht sowie Körper- und Hirnanteil vermessen und sozial verortet wird. Alles, und auch dies, spielt sich auf der fast leeren Bühne immer vor den Augen der anderen ab, die es hinter einer gläsernen Wand verfolgen.
Dennoch ist es keine Geschichte, die hier erzählt wird, vielmehr tut sich ein schillerndes Mosaik von Episoden und Momentaufnahmen vor uns auf, die in Soli, Pas de deux und kleinen Gruppen auf dem vertraut hohen tänzerischen Niveau des Ensembles von Aus- und Abgrenzung und allen Varianten der Liebe handeln. Zwei mit Muskelbergen gepolsterte Jungs messen ihre Kräfte und finden dabei in eine irritierende Nähe, in bunten Perücken posen Girlies um die Wette, in dicken Fettwülsten zeigen sie, wie der Körper außer Kontrolle gerät, Liebespärchen finden, fetzen und trennen sich, weil die Partner nicht die sind, für die sie sich hielten. Und irgendwann fällt auf, dass einer der Tänzer sich gegen alle Widerstände nicht festlegen lässt, wohin er gendertechnisch gehört.
Diese Scheherazade der Gefühle wird von den Technosounds Max Richters und eingängigen Songs von Popgruppen à la »The Magnetic Fields« und »Coco Rosie« getragen. Vor allem dank des wunderbar wild und enthusiastisch agierenden Ensembles ist es ein aufregendes Arrangement. Schön war die Jugendzeit? Mitnichten.

Gernot Gottwaldt (Foto: © Regina Brocke)
Termine: 25. August, 19.30 Uhr, weitere ab September auch in WI
www.hessisches-staatsballett.de

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