Museum Weltkulturen: »Grey ist the New Pink – Momentaufnahmen des Alterns«

»Das ist doch ein schönes Alter« meint eine gute Freundin seit vielen Jahren an jedem meiner Geburtstage und hat dabei die Lacher auf ihrer Seite. Ganz ohne Witz zeigt das Museum Weltkulturen jetzt, wie viele schöne Gesichter das Alter haben kann. Knapp 20 ausgewählte internationale Künstler und Künstlerinnen beteiligen sich und schauen dabei auch nicht weg, wenn es um das Sterben und das Abschiednehmen geht. Trotz der individuellen Zugriffe falle auf, wie ähnlich über die Ethnien und Gesellschaften hinweg das Alter behandelt werde, sagt die Kuratorin Alice Pawlik. Man könne nicht sagen, dass es alten Menschen irgendwo besser oder schlechter gehe. Gravierender wirke im Zuge der ökonomischen Globalisierung, dass die Familienstrukturen sich immer stärker auflösten.
Erst aber einmal schlägt die im Großen Haus (Schaumainkai 29) platzierte Ausstellung »Grey is the New Pink« eher beschwingte Saiten der »Momentaufnahmen des Alterns« an, wie es im Untertitel heißt. Tatsächlich zeigen die meisten der 350 Fotos, die das Weltkulturen-Museum nach einem weltweiten Aufruf erhielt, überwiegend positive Einstellungen, wie die der Frau mit Ananas im offenen Cadillac auf Kuba. Von sprudelnder Lebenslust künden auch die »Supercentennials«, die der Frankfurter Karsten Thormaelen weltweit mit seiner Kamera aufspürte, um ihr Altersgeheimnis zu erfahren. Die Sardinierin Tonia Nola aus Silano schreibt ihre 104 Jahre nicht unwesentlich dem fehlenden Neid und selbstverständlich der Minestrone zu, während ihre im Vorjahr mit 117 Jahren verstorbene Landsfrau Emma Morricone im Piemont rohe Eier präferierte und ihr Single-Dasein anführt. Der 107 Jahre alte Ecuadorianer Timoteo hat erst kürzlich mit dem Rauchen aufgehört.
Für die Filipina Bayada Gumaat ist das noch ein bisschen hin. Sie ziert mit einem dicken Glimmstängel im Mund das für die Ausstellung werbende Plakat. Die Aufnahme stammt aus einer Fotoserie von Jack Verzosa über »The Last Tattooed Women of Kalinga« im Norden der Insel Luzon. Tröstlich für Jung-Gestochene: Kein Indiz erkennbar, dass man frühe Tattoos bereuen müsste.
Einen Ehrenplatz hat in der Ausstellung auch der Leseraum, der insbesondere für die jüngeren Besucher sonntagsmorgens genutzt werden soll. Hier finden wir nicht nur das Riesenbild einer Großmutter, die offensichtlich, wie der Lichtreflex andeutet, das Märchenbuch mit dem Tablet vertauscht hat, sondern auch einen Youtube-Clip zur vielgelinkten Märchen lesenden Marmeladenoma. Ehrengäste, zumindest der Eröffnung, waren auch die Instagram-Fashion-Ikonen Britt Kanja und Günther Krabbenhöft aus Berlin.
Die Best-Age-Hip-Hopper, die professionelle Video-Kampfsportgruppe Silver Snipers und die auf alt getrimmten Beauty-Kinder überspringen wir mal genauso wie das Rezeptebuch aus der Abteilung Wissen-weitergeben und die wissenschaftliche Erkenntnis, dass das Super-Mario-Spiel mindestens so fit im Kopf hält wie Klavierspielen! Alter und Liebe, Alter und Sex, Alter und Krankheit sind weitere Stationen der Schau. Ninette Niemeyer begleitet den Alltag einer 97 Jahre alten Frau, die meint, Gott wolle sie halt noch nicht bei sich haben. Patricia Thoma hält das Ableben ihrer Großmutter am Sterbebett fest. Mitten im obersten Raum der Ausstellung prunkt ein rotbemalter Sarg in Form eines Adlers aus Ghana. Dahinter eine alte winkende Hand.

Lorenz Gatt (Foto: © Karsten Thomaehlen)
Bis 1. September 2019: Di., Do.-So., 11-18 Uhr; Mi., 11-20 Uhr
www.weltkulturenmuseum.de

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