Museum Angewandte Kunst: Die Ausstellung »ars viva 2021« stellt vielversprechende Künstler vor

Die Rückenansicht eines älteren Mannes im Kabinengang und die entblößten Bäuche zweier anderer einträchtig Beine baumelnder Herren in Badehose am Whirlpool. So stellt uns der Brite Rob Crosse die Protagonisten seines Films »Prime Time« (2017) vor. Das Video macht uns subtil mit einer Selbsthilfegruppe von alternden Homosexuellen, die sich denn auch »Prime Time« nennt, auf einer Kreuzfahrt bekannt. Wir sehen ihnen beim Lunch, beim Tanz in der Disco und beim Sonnenbad an Deck zu, aber auch beim Duschen, Rasieren, beim hübsch machen für den Abend in der Kabine, wie das manchmal nicht einfach ist, den wulstigen Körper in Hemd und Hose auf Form zu verstauen. Es sind die Falten, Runzeln, die Altersflecken der Körper, bei denen die Kamera nachgerade zärtelnd immer wieder in Groß verweilt, das aus der Form Geratende. In summa erleben wir das ganz gewöhnliche Tagesgeschehen einer Karibikkreuzfahrt und werden zu intimen Zeugen einer Normalität, die weitestgehend nur im gesellschaftlichen Abseits gelebt werden kann. Wobei das Abseits hier einen sehr gepflegten Rahmen hat. Es ist keine Gay Cruise und kein Aida-Party-Boat, sondern es geht mehr old fashioned als altmodisch – auch ein bisschen zwanghaft – stilvoll zu an Bord des mehrstöckigen US-amerikanischen Mega-Liners.
Auch »Dear Samuel« (2019), die zweite jüngere Arbeit des britischen Künstlers, hat diesen gerontophilen Touch, rückt aber sehr offen die körperliche Liebe schwuler Männer in den Fokus – dieses Mal aber weniger in den der Kamera als den des Mikrophons, durch Stimmen aus dem Off des zunächst schwarz bleibenden Bildschirms. Eine Stimme richtet sich an den (viel) älteren Geliebten, der beim Sex immer die Socken anlässt. Unterbrochen werden diese Blacks von Farbaufnahmen buntgefiederter Singvögel in Käfigen auf einem Vogelmarkt in Hongkong. Wie Karaoke-Fließtexte laufen dazu Zeilen aus den intimen Zwiegesprächen am Bildrand mit. »I’ll care for you, I’ll support your arm when you cross the street«.
Die Filme von Rob Crosse allein lohnen schon den Besuch der bis 21. März verlängerten Ausstellung »ars viva 2021« im Museum Angewandte Kunst. Sie trägt den Namen des Förderpreises, den der Kulturkreis des Bundes der Deutschen Industrie (BDI) seit 53 Jahren an wechselnden Orten an zukunftsweisende Künstler und Künstlerinnen in Deutschland vergibt. Dass sich in der langen Liste der Preisträger Namen wie Marina Abramovic, Georg Baselitz, Wolfgang Tillmans und Rosemarie Trockel finden, sichert den Geehrten, aber auch dem jeweiligen Ausstellungsort eine gehörige Aufmerksamkeit der Fachwelt. In diesem Jahr sind es die Deutsch-Vietnamesin Sung Tieu, die Briten Rob Crosse und Richard Sides sowie das Frankfurter MAK. Gemeinsam ist den Künstlern, dass sie noch keine 35 Jahre alt sind, das ist Bedingung, und dass sie in Berlin leben.
Im Zentrum des Beitrags von Sung Tieu steht eine metallene Sitzkonstruktion aus einem runden Esstisch und vier mit diesem strahlenförmig verbundenen Sitzhockern, wie man sie bisweilen an öffentlichen Picknickplätzen findet: kalt, unkaputtbar und oft von Vogelscheiße bekleckert. Im MAK liegen zwei Take-away-Behälter und ein Plastikbecher auf dem Tisch neben einer fiktiven Zeitungsmeldung über zwei auf dem Spielplatz eines Hamburger Parks in handfesten Streit geratene Familien. Aus einer Klangwolke im Raum sind Flugzeuggeräusche, Autoverkehr und ein merkwürdiges Dröhnen zu vernehmen. Schön ist es hier nicht. Das Tisch/Hocker-Modell stammt allerdings aus einem englischen Knast und sorgt dort dafür, dass sich niemand zu nahe kommt.
Am kryptischsten, gleichwohl speziell für die Ausstellung geschaffen, sind die aus Latten gefertigten eckigen Holzbänke von Richard Sides. Nicht allein, dass sie nicht eben einladend wirken, hat der Künstler ihre Sitzflächen mit allerlei willkürlich anmutenden Gegenständen drapiert und zur Ablage gemacht: Wie grad mal abgestellt, sehen wir Dosen, Kisten mit Spielzeug, ein Waschbecken, eine Glühbirne, Zeitungsausschnitte und vieles mehr. Lassen wir das doch einfach mal so liegen. Und stehen.

Winnie Geipert (Foto: © Rob Crosse: Prime time2017, Video Still)

Bis 21. März
Besuchszeiten: siehe Homepage
www.museumangewandtekunst.de

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