Mit »Jetz, Herz, geh uff!« rettet die Volksbühne die Mundart

»Jetz, Herz, geh uff! Un wann der Deibel uff Stelze kimmt« titelt unter der Regie von Sarah Groß und Michael Quast die zweite Premiere der Volksbühne nach dem spektakulären Musiktheaterstart mit »Der Struwwelpeter«. Es ist kein wirkliches Theaterstück und würde in postdramatischen Kreisen wohl ein ›Enactment‹ genannt werden, wenn profilierte Freunde des Hessisch-Idioms auf der Frankfurter Hirschgrabenbühne Spielabend für Spielabend den Verein »Freiheit für Mundart e.V.« konstituieren. Das von Hausautor Rainer Dachselt verfasste und konzipierte Stück lässt sich, wie es die Volksbühne ja selber tut, ganz einfach aber auch als Lokalposse bezeichnen, in der sich »eine bunte Truppe von Raunzern, Querköpp und Babbelschnuude versammelt, um gegen den Verlust der Mundart zu kämpfen«.
Mit Michael Quast treten sieben Barock-am-Main-bewährte Mitglieder des Ensembles (Alexander J. Beck, Dominic Betz, Pirkko Cremer, Philipp Hunscha, Ulrike Kinbach, Lucie Mackert und Katerina Zemankova) zur nachhaltigen Rettung ihrer Muttersprache an. Unter dem genannten Vereinsnamen, der sich lautsprachlich keineswegs zufällig an die aktuelle Jugendbewegung anlehnt, geht es mit einschlägigen Texten Frankfurter Autoren, wie Friedrich Karl Ludwig Textor, Balser Breimund, Carl Malss, Maximilian Leopold Langenschwarz, Friedrich Stoltze, Adolf Stoltze, Wolfgang Deichsel und Kurt Sigel, keineswegs um bloße Traditionspflege. Im Grunde werde in diesem Stück auch das Selbstverständnis der neugegründeten Volksbühne verhandelt, meint Quast. »Wir knüpfen dabei bewusst an die Diskussionen und Stimmen derer an, die sich bereits in den Siebzigern mit politischem Impetus für die Mundart-Dichtung engagierten«, weist er vor allem auf seinen verstorbenen Weggefährten Deichsel.
In den Genuss eine Kostprobe aus der mit Einaktern gespickten Aufführung kamen die Besucher der Benefizveranstaltung »Uffgebe gibt’s net« kurz vor Weihnachten. Gezeigt wurde »Die Einquartierung« des Rödelheimer Autors Langenschwarz (1808 – 1867), in der ein Grenadier der französischen Besatzungstruppen bei Mutter Knoll in Sachsenhausen untergebracht werden soll. Schockschwerenot und fern jeder Polyglossie nimmt die Hausherrin (Katerina Zemankova) mit ihren Töchtern Lizi (Pirkko Cremer) und Käthchen (Philipp Hunscha!) den Fremden (Lucie Mackert) in die Mangel. Von Langenschwarz, der auch unter dem Pseudonym Longonero publizierte, stammt übrigens der schöne Satz »Für Frankfurt sterb’ ich solang ich leb«, auch wenn für der alten 48er Letzteres im New Yorker Exil geschah.
Im ursprünglichen Programm war »Jetz, Herz, geh uff!« nicht vorgesehen. Durchaus möglich also, dass das aus der Not entstandene Improvisorium Implantat und Liebhaberperle wird.

gt
Termine: 20. und 29. Februar, jeweils 19.30 Uhr, 23. Februar, 17 Uhr
www.volksbuehne.net

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