Lee Miller: Hautnah. Fotografien von 1940 bis 1946 in den Opelvillen in Rüsselsheim

Jedes Foto ein Schrecken,
jedes Foto eine Kostbarkeit

Grenzenlos. Das ist das erste Wort, das mir zu Lee Miller einfällt. Eine Frau, die Grenzen so spielerisch überschreitet, als würden sie überhaupt nicht existieren. Nein zur Bedeutungslosigkeit. Nein zur Phantasielosigkeit. Nein zum Mittelmaß. Nein zur politischen Abstinenz. Nein zu einem vorbestimmten Leben. Nein zu Faschismus und Diktatur. Und nein – vor allem – zum Krieg.

Elizabeth »Lee« Miller, geboren 1907 in Poughkeepsie im Staat New York, ist ohne Frage eine der ungewöhnlichsten, aufregendsten, schillerndsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Und wie ihr Kollege, der Fotograf und Reporter David E. Scherman über sie schrieb, hat sie nicht ein einziges Leben geführt, sondern mehrere, und die alle gleichzeitig. Ihre Lebensgeschichte liest sich aufregender als ein Thriller: man weiß nie, was kommt, welche Volte nun geschlagen wird, wo sie sich gerade befindet. »Immer anderswo«, hat sie einmal über sich selbst gesagt.
Es ist schon atemberaubend, als Museumsbesucherin Begleiterin dieser Frau zu sein, die selbst ein Kunstwerk, ein Model und zugleich eine ungezähmte Vorkämpferin des Feminismus, eine begnadete Kriegsreporterin war. Sie legte eine stürmische Biografie hin: mit 18 Jahren ging sie nach Paris, um in der Schule des ungarischen Theaterregisseurs und Surrealisten Laszlo Medgyesi Kostüm- und Bühnenbild zu studieren, arbeitete nach ihrer Rückkehr in New York für kurze Zeit als Fotomodell und Mannequin, ging 1929 wieder nach Paris und tauchte als Foto- Künstlerin tief in die Szene der Surrealisten ein, wurde Mitarbeiterin und Geliebte von Man Ray und Paul Éluard, war eng befreundet mit Pablo Picasso und Jean Cocteau. Eine dreijährige Zwischenstation – so wirkt es aus retrospektiver Sicht – legte sie in Kairo und Alexandria als Gattin des ägyptischen Geschäftsmannes Aziz Bey ein, kehrte nach Paris zurück, nach New York, hatte ihr eigenes Fotostudio, fotografierte Mode, ohne ihre künstlerische Heimat im Surrealismus zu vergessen.
Das ist die eine Geschichte, die man auch im Kunstarchiv ablegen könnte. Aber Lee Miller ist auch die Frau, die in Hitlers Badewanne in seiner Münchner Wohnung am Prinzregentenplatz ein Bad nimmt, mit stoischem Blick einen Waschlappen benutzt, auf dem Badewannenrand ein Porträt des verhassten Diktators platziert hat, auf dem anderen eine nackte griechische Antikenbüste, davor ihre schlammverschmierten Militärstiefel.
Lee Miller ist auch die Frau, die als eine der ersten eine Kriegsberichterstatterin war. Darunter waren nicht viele Frauen. Es ist ihrer Penetranz und ihrem aberwitzigen Mut zu verdanken, dass sie dies wurde, akkreditiert beim US-amerikanischen Militär – und das ausgerechnet für die US-amerikanische »Vogue«, dessen Vorzeigemodel sie einst war. Sie wandte sich mit ihren Reportagen und Fotos also an eine weibliche Leserschaft, der sie ihre Fotodokumentationen zur Befreiung Buchenwalds – die zerschlagenen Toten, die lebenden Skelette, SS-Selbstmörder – sehr wohl zumutete. Sie mutete ihnen Lazarette zu, in denen Soldaten gerade zusammengeflickt wurden, mit der Kamera ganz nah dran, Jungen, die mit vor Angst entsetzten Gesichtern in ihren Einsatz ziehen. Ihre Reportagen über den Krieg und von der Front gehören bis heute zu den aufregendsten, ehrlichsten, vielschichtigsten – auch hasserfülltesten gegenüber den Deutschen. Sie sind ein einziges Lehrstück.
Und deswegen ist es ein Bekenntnis zur kollektiven Erinnerung, Lee Miller immer wieder zu zeigen, nicht damit aufzuhören, ihre Bedeutung überlebensgroß zu halten.
Die Ausstellung spricht, ohne dass ein einziges Wort fällt. Die Direktorin und Kuratorin Beate Kemfert hat komplett entdramatisiert inszeniert. Da ist kein Wort zu viel, keine Geste zu aufdringlich. Da ist nichts, nur die pure Konzentration auf das Ausstellungsmaterial. Ein einziges Foto sprengt das Format, es handelt sich um ein überlebensgroßes Porträtfoto aus ihrer Pariser Surrealistenphase im Erdgeschoss, in dem auch weitere Fotos dieser Epoche gezeigt werden. Man entdeckt in diesen Räumen auch ihre private Seite, Aufnahmen von ihren Treffen an der Cote d’Azur mit Picasso und Cocteau, eine Aufnahme ägyptischer Hieroglyphen einer Tempelinschrift in Luxor aus einem ganz kurzen Blickwinkel, Max Ernst in Arizona, Fotos von ihrem Landhaus in Sussex mit ihrem Mann Roland Penrose.
Nicht zu vergessen die Erfindung der Solarisation, der Überbelichtung, an der sie gemeinsam mit Man Ray gearbeitet hat und die den Sujets etwas Übernatürliches verleiht, ihr besonderes Augenmerk auf die Bildausschnitte, auf die Inszenierung der Gegenstände.
Das so konzentriert präsentierte Sujet fördert die Kontemplation. Jedes Foto ist ein Knall, ein Schrecken, ein Rätsel, eine Aussage, aber auch eine Kostbarkeit. Jedes Foto, das die schöne Sphinx der Surrealisten machte, redet mit dem Betrachter, erzählt seine Geschichte, vermittelt einen Lebenslauf, ein Schicksal, einen Skandal.
Im zweiten Stock sind dies dann die Kriegsfotografien, hinter der Front – und manchmal mittendrin. Sie war die erste, die den Napalm Abwurf über Saint-Malo fotografierte. Und das als Frau, als schöne kühle Frau, eigentlich ein Model, ein Mannequin, das auch in Kriegsuniform nicht auf den Lippenstift verzichtet und der Vogue mit Rouge verschmierte Filmrollen schickt.
Man kann sich nicht sattsehen – falls das der richtige Begriff ist – an dem kleinen Jungen, der müde auf einem mit Säcken beladenen Lastkarren sitzt, bereit zur Flucht. Man kann auch nicht den Blick abwenden von den kahl geschorenen Französinnen, die mit Deutschen zusammen waren und nun der Rache ihrer Landsleute ausgesetzt sind. Man möchte eigentlich nicht Augenzeugin dieser Demütigung sein, aber diese Fotos sagen ganz einfach: Schau hin.
Und dann eine Modeaufnahme aus dem Haus Paquin zu dem Thema »Was trägt die Französin im Jahr 1944?« Schließlich war sie ja für die »Vogue« auch in Paris unterwegs.
Am 25. April 1945 dokumentiert sie den »Elbe Day«, als sich russische und US-amerikanische Soldaten bei Torgau treffen und feiert mit ihren neuen Freundinnen, russischen Soldatinnen.
Ein separates Zimmer in den Opelvillen zeigt ihre berühmt gewordenen Aufnahmen aus Buchenwald, bei dessen Befreiung sie dabei war. Lee Miller hasste die Deutschen, die der Welt so etwas angetan hatten, für sie waren sie ausnahmslos Täter. Sie machte Fotos von Frauen aus Weimar, die sofort nach der Kapitulation gezwungen wurden, sich Buchenwald anzuschauen – blond bezopft, harter Gesichtsausdruck, Dirndl. Fürchterlich.
Die Inszenierung ihrer Fotosujets spiegelt ihre Haltung. Alle ihre Aufnahmen vom Krieg haben diese Aura, sie sind viel größer als das was sie zeigen und sie sind doch genau das, was sie zeigen. Ein ganz uneinholbarer Stil.
Lee Miller starb an Krebs mit gerade einmal 70 Jahren. Aber sie starb auch, so sagt man, an diesen nie verarbeiteten Kriegstraumata, sie starb auch an dem, was sie gesehen hatte.

Susanne Asal (Foto: Justice Amid the Ruins, Frankfurt 1945
© Lee Miller Archives England 2021)
Die Schau ist bis zum 25.7. zu sehen. Informationen unter www.opelvillen.de

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