»Late Night« von Nisha Ganatra

Auf den ersten Blick eine Geschichte, die uns schon hundertmal im Kino erzählt wurde: Eine toughe Person (männlich oder weiblich), die kein Mitgefühl kennt, stößt an ihre Grenzen und wird dadurch zum Menschen oder zumindest etwas menschlicher. In »Late Night« ist es die angesehene und mittlerweile etwas aus der Mode gekommene TV-Moderatorin Katherine Newbury (Emma Thompson), die nach beinahe dreißig Jahren »Tonight with Katherine Newbury« um ihre Bildschirmexistenz kämpfen muss.

Natürlich weiß sie das noch nicht, als die Erzählung einsetzt. Da erleben wir sie auf der Höhe ihres Ruhmes, bei einer Preisverleihung, die sie als Engländerin im amerikanischen Fernsehen besonders zu würdigen weiß. Und wir sehen sie mit ihren Autoren, den Gagschreibern, die nichts zu lachen haben. Denn Katherine führt ein hartes Regiment: Wer nicht spurt, fliegt raus.
Wie einst Margaret Thatcher ist sie tougher als alle Männer in ihrem Umkreis, und zudem geht ihr der Ruf voraus, sie sei gegen Frauen voreingenommen. Um dies zu widerlegen, besteht sie darauf, dass ihr rein männliches Autorenteam durch eine Frau erweitert wird. Und wie es das Drehbuch von Mindy Kaling will, wartet eine gewisse Molly gerade als einzige Frau unter Männern im Vorraum auf ihre Chance.
Kalling spielt auch gleich selbst die unsichere, gerade aus Pennsylvania nach New York gekommene Kandidatin, die bisher in der Qualitätskontrolle eines Chemiewerks gearbeitet hat. Mollys einzige Fernseherfahrung besteht im Fernsehkonsum, und dabei favorisiert sie Katherines Talkshow, wie sie sogleich betont.
Es trifft sich gut, dass ihr Idol auch mitten im ziemlich holprigen Vorstellungsgespräch anruft und ultimativ nach einer neuen Autorin verlangt. Spontan wird Molly, nicht nur für sie selbst überraschend, sondern auch für alle andern, auf Probezeit eingestellt.
Der Film lebt nun von dem Gegensatz zwischen der grandios hochnäsig aufspielenden Emma Thompson (die auch schon als Drehbuchautorin, u.a. oscarprämiert für »Sinn und Sinnlichkeit«, in Erscheinung getreten ist) und einer immer selbstbewusster agierenden Mindy Kaling, der von Anfang an die Sympathie der Zuschauer gehört.
Ihre etwas pummelige Molly, die auch rein äußerlich eine Außenseiterin ist, gerät natürlich sofort in Verdacht, nicht nur die Quotenfrau, sondern auch mit ihrer indischen Abstammung die Quotendunkelhäutige zu sein. Aber es stellt sich schnell heraus, dass sie Katherine vor deren Karriereende bewahren könnte, kommt sie doch als Branchenfremde mit frischen, unkonventionellen Ideen. Es dauert allerdings seine Zeit, bis die selbstverliebte Moderatorin dies bemerkt.
Der Film funktioniert nach dem Modell einer romantischen Komödie, in der Molly der werbende Liebhaber und Katherine die widerstrebende Schöne ist. Die große Krise, charakteristisch für das Genre, gerät ein wenig zu dramatisch, das nicht so ernst gemeinte Ende vielleicht etwas zu glatt.
Während der Film von der langsamen Akzeptanz einer Außenseiterin erzählt, zeichnet er das Bild einer durch und durch narzistischen Gesellschaft, in der die Provinzlerin Molly die Einzige ist, die noch Mitgefühl entwickeln kann. Auch in der Talkshow geht es nur um Selbstbespiegelung und Gags, die beim Publikum ankommen.
Die Autorin Mindy Kaling hat ein großes Maß an Fernseherfahrung, und diese – im Gegensatz zu ihrer Filmfigur – in der Produktion. Sie hat als Praktikantin das Gewerbe hautnah erlebt und für diverse TV-Serien Drehbücher mitverfasst. Auch die Regisseurin Nisha Ganatra, ebenfalls von indischer Abstammung, bringt viel Praxis im TV-Business mit. Beide kennen die Szene, von der sie erzählen, und sie zeichnen ein erschreckend komisches Bild von der heutigen Selfie-Gesellschaft mit den bewährten Mitteln Hollywoods. Sie haben es verpackt in einer romantischen Komödie, die wiederum unter der Geschichte von der arroganten Chefin und ihrer sich als nützlich erweisenden Gegenspielerin verborgen ist. Diese russische Puppe auszupacken kann ein besonderes intellektuelles Vergnügen bereiten.

Claus Wecker (Foto: © 2019 eOne Germany)
LATE NIGHT
von Nisha Ganatra, USA 2019, 102 Min.
mit Emma Thompson, Mindy Kaling, John Lithgow, Hugh Dancy, Reid Scott, Denis O‘Hare
Komödie
Start: 29.08.2019

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