Kunsthalle Darmstadt: »Facing Britain« – 60 Jahre britische Dokumentarfotografie

Von den ersten Versuchen Großbritanniens, Mitglied der EWG zu werden, im Jahr 1963, bis zum Austritt aus der EU 2020: Das ist der bewusst gesetzte Zeitrahmen der Dokumentarfotografie-Ausstellung »Facing Britain« in der Kunsthalle Darmstadt. Es ist zudem die erste Überblicksschau außerhalb Großbritanniens, die nahezu alle wichtigen britischen Vertreter dieser Kunstsparte vereint. 270 Arbeiten von 46 Künstler*innen beschreiben nicht nur 60 Jahre britischer Geschichte von Niedergang der britischen Kohleindustrie über die Thatcher-Ära mit dem Falkland-Konflikt bis zum Brexit, sie vermitteln auch die Entwicklungen der Fotografie in England, Wales, Irland und Schottland sowie ihre Verbindung zu Nordamerika und Kontinentaleuropa. Dabei erwies sich das Dokumentarische als eine der großen Stärken der britischen Fotografie.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den von David Hurn, Tish Murtha, Daniel Meadows und Martin Parr geprägten 70er- und 80er-Jahren, als die künstlerische Dokumentarfotografie weltweit an Bedeutung gewann. Parr, der schon früh vertraut mit der an Rhein und Ruhr propagierten Konzeptfotografie war, beschreibt diese Jahrzehnte als »eine prägende Zeit für die britische Fotografie, in der die Stärke der Dokumentarbewegung lebendig wurde.« In England galt das hierzulande weniger bekannte Werk von David Hurn, Kris Killip, John Myers oder Daniel Meadows als die fotografische Referenz. Der 1972 verstorbene Tony Ray-Jones galt wegen seiner direkten Straßenfotografie als britischer Garry Winogrand und Wegbereiter der zeitgenössischen Fotografie in Großbritannien.
Im Vereinigten Königreich sah man Fotografie bis in die 1980er-Jahre hinein vielfach nicht als autonome Kunstform an. Die erste große Überblicksausstellung zur britischen Dokumentarfotografie fand erst 2007 unter dem Titel »How We Are. Photographing Britain« in der Tate Britain, London statt.
Die in acht Kapitel unterteilte Ausstellung »Facing Britain« zeichnet ein einzigartiges Porträt einer vielteiligen Nation, die allen Gräben zum Trotz von Zuneigung, Menschlichkeit und Humor geprägt ist. Die Bilder stehen stets für sich, bezeugen künstlerische Konzepte und vergegenwärtigen jüngere wie jüngste Geschichte. Und sie fordern eine Sicht auf das heutige Vereinigte Königreich abseits von Klischees ein. Ungleichheit und Identität sind nach wie vor häufige Begriffe in der politischen Diskussion. Ihnen widmet sich gleich das erste Kapitel der Ausstellung. Früher virulente Themen wie die Jugendarbeitslosigkeit oder der Niedergang der Bergbauindustrie folgen im Rundgang. In den abschließend gezeigten Arbeiten von Kirsty Mackay, Paul Reas, Robert Darch oder Niall McDiarmid spiegeln sich aktuelle Themen wie Gendergerechtigkeit, Brexit und Migration.
Es ist die erste Schau der neu gegründeten Fotoabteilung des Institut für Kunstdokumentation (IKS) in Düsseldorf. Weitere Stationen: das Mönchehaus Museum Goslar (20.2.–1.5.2022) und das Museum der Fotografie in Krakau sein.

Lorenz Gatt (Foto: The last resort, 1983–85
© Martin Parr/Magnum photos)

4. September 2021 bis 9. Januar 2022
www.kunsthalle-darmstadt.de

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