Im Kellertheater treibt Sebastian Fitzeks »Seelenbrecher« sein Unwesen

Sphäriger Elektrosound dröhnt auf das Publikum ein. Duff – duff – duff: »In my mind, in my head, that is where we all came from«: Disco, Playhouse, Berghain? Nein, das Gegenteil. Die erste Szene an diesem Abend im Kellertheater spielt im Aufenthaltsraum einer abgeschieden, im Taunus gelegenen Klinik. Und handelt auch noch davon, dass ein Radio nicht funktioniert. Die Best-Agerin Greta, auf deren Wunsch der Mitpatient Caspar das Gerät repariert, sieht auch nicht so aus, als sei sie auf eine Raver-Nacht eingestellt.
Nein, sie ist wie jedes Jahr hier, um ihrer Weihnachtsdepression zu entgehen, während Caspar unter Totalamnesie leidet. Kurz vor dem Erfrieren hat man ihn vor ein paar Tagen vor den Toren des Hauses gefunden. Auch wenn er nicht weiß, wer er ist und woher er kommt, so gelingt es diesem Schicksalsgenossen des Kaspar Hauser doch das Radio noch rechtzeitig vor den Nachrichten zu reparieren. Die Polizei, so hören wir mit den beiden einzigen Patienten der Klinik prompt, suche noch immer nach dem »Seelenbrecher«.
Drei junge und natürlich schöne Frauen wurden bereits entführt und ein paar Tage später völlig verwahrlost und seelisch gebrochen in einer Art Wachkoma, aber ohne jede Spur von Gewaltanwendung gefunden. Damit nicht genug des Unheils, begehen sie wenig später wie ferngesteuert Selbstmord. Als ein fürchterliches Winterunwetter mit Elektrototalausfall das Heim von der Außenwelt abschließt, mehren sich die Zeichen, dass der Seelenbrecher in der Klinik ist. Ein erstes Opfer mit Messer im Hals, einer der Ärzte, ist zu beklagen, ein zweites, die Ärztin, befindet sich im Koma. Auch das noch!
Die Theateradaption von Sebastian Fitzeks Psychothriller »Der Seelenbrecher« ist so recht nach Geschmack der Kellerbühne. Sie passiert ganz aristotelisch in einem einzigen Raum und in einer einzigen Nacht (des Grauens). Und sie bietet unter der Regie von Karsten Kosciecza und Stephan Thoss dem berüchtigt spielwütigen Ensemble acht nahezu gleichwertige Rollen. Von dem in Schwindelschüben mit Nightmare-Sound rekonvaleszierenden Protagonisten Caspar (Stephen Toss) über das zwielichtige Ärzte-Team (Christian Borchert, Jana Hingst, Martin Bures), den prolligen Macho-Krankenfahrer Tom (großartig: Jerome Hammersbach) und seinem Tollpatsch-Antipoden von der Pflegestation Dirk Bachmann (noch großartiger: Hasan Maman), bis zur wasserstoffblonden Krankenschwester Yasmin (Silke Frankenthaler) und der an Bill Ramseys Krimi-Mimi erinnernden Greta (Andrea Pechel-Lustig).
Seinem Publikum bietet das manchmal etwas ins Medizinische abdriftende Rätsel- und Ratespiel eine Mischung aus Agatha Christie, Francis Durbridge und Quentin Tarantino, wobei – keineswegs unbeabsichtigt – der Gruselanteil immer mehr zum Funfaktor der temporeichen Inszenierung gerät. Jeder – und jede – der unheimlichen Acht, die sich auch noch einsperren und gegenseitig verdächtigen, kann der blutlechzende Seelenbrecher sein – wenn es nicht eine neunte Figur ist. Der Zuschauer freilich ist nach anderthalb lohnenden Stunden fein raus.

gt (Foto: Anja Kühn)
Termine: 25., 26. Januar, 20 Uhr
www.kellertheater-frankfurt.de

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