Frankfurt liest ein Buch: »Scheintod« von Eva Demski

Es wäre möglich, aber nicht wirklich spannend, die diesjährige Auswahl für das Lesefest »Frankfurt liest ein Buch« abseits seines politischen Kontextes zu betrachten, sondern lediglich als literarische semibiografische Aufarbeitung eines Verlustes, des Verlustes eines ungreifbaren, in Geheimnisse gehüllten Ehemanns (was sie auch ist).
Eva Demskis »Scheintod«, erschienen 1984, ist fest verankert in der linkspolitischen Szene Frankfurts von 1974 mit all seinen Strömungen, Tendenzen, Diskussionen, Aktionen. Es ist das wertvolle Zeitzitat einer Schriftstellerin und Autorin und ihrer Nähe zur RAF, gleichzeitig fängt es viel von der nervösen Aufbruchsstimmung ein, die sich beispielsweise um die Lehrlingskollektive rankten. Rainer Demski, ihr Mann, war Verteidiger von Gudrun Ensslin und starb mit grade mal 30 Jahren unter ungeklärten Umständen – an einem Herzversagen.

»Scheintod« ist aber auch das persönliche und ohne Rührseligkeit verfasste Protokoll einer Annäherung an den ehemaligen Lebenspartner, das die Absetzbewegungen nicht auslässt.
Hier wurde für »Frankfurt liest ein Buch« ein Roman erwählt, dessen geschichtlichen Hintergrund viele Leser*innen kennen werden, weil er fest verwoben ist in der Stadtgeschichte und seinen linken Mythen. Er ist kein unbekannter Schatz, der gehoben wurde wie einst Silva Tennenbaums »Die Straßen von gestern«. Eigentlich kann man ihn als Kreuzungspunkt lesen von so vielen Biografien, der eigenen politischen Identitätsbildung und auch der Stadt. Da besteht eine gewisse Synchronität. Wie links war Frankfurt, wie links war/ist man selbst, wie selbstverständlich war das Linkssein, war es nicht sozusagen die wahre Natur in der Auseinandersetzung mit der Elterngeneration, die noch im Nazitum verhaftet war?
In den 1970er Jahren hatte sich diese Identität geformt und zu Haltungen geführt: War die BRD ein Terrorstaat, der Terrorstaaten beisteht, welche Aktionen sind möglich und notwendig, eine gesellschaftspolitische Veränderung herbeizuführen, wie soll sie aussehen, wie soll die Gesellschaft überhaupt aussehen, braucht es Arbeiterräte, hilft der Marxismus-Leninismus, hilft der Maoismus, der Feminismus, braucht es einen Neubeginn der Kultur, braucht es den bewaffneten Kampf?
Als »Scheintod« 1984 erschien, entfachte es politische Kontroversen par excellence. Viele wollten sich wiedererkannt und falsch gezeichnet sehen, wobei Eva Demski in einem Interview selbst verriet, dass sie falsche Fährten ausgelegt habe: die, die sich erkennen, seien es nicht, andere würden sich gar nicht erst erkennen. Doch wie immer auch, es ist ein erhellendes Buch mit vielen gut gesetzten Schlaglichtern auf die linke Szene, auf alle Fälle diskussionswürdig. Auch heute noch.
Eva Demski hat dem Roman eine eherne Struktur gegeben. Die zwölf Tage, die zwischen Tod und Beerdigung vergehen, hat sie als Kapitel angelegt und jedes mit einem sprechenden Titel versehen. Die Vielschichtigkeit ihrer Beobachtungen, ihrer Gefühle, ihrer Handlungen und Selbstspiegelungen erlaubt damit eine assoziative Tiefe, die sonst vielleicht zersplittert wäre. Denn es sind ja viele Bestandteile, aus denen sich die Handlung zusammensetzt: Der Tod, die Ehe, die Homosexualität des Ehemanns, die Arbeit als linker Anwalt, sein Flattern in schwulen Milieus, ihre Trauer, ihre Wut, die Nähe, der Abstand, und natürlich: Frankfurt mit seinem düsteren Glanz, seiner noch nicht klar definierten Identität der frühen 1970er Jahre.

Susanne Asal
Eva Demski: Scheintod, mit einem Nachwort von Wolfgang Schopf, Insel Verlag. 419 S., 20 €
Das ausführliche Programm wird Mitte Juni bekannt gegeben.
www.frankfurt-liest-ein-buch.de
Christian Setzepfandt bietet für die Frankfurter Stadtevents Führungen an.

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