English Theatre: Other Desert Cities

© Martin KaufholdEine schöne Bescherung

English Theatre überrascht mit dem amerikanischen Familienthriller »Other Desert Cities«

Eine wandbreite Aussicht aus Glas lässt die trockenen roten Wüstenhügel des Coachella Valley aufleuchten, was schon vom Hingucken durstig macht. Und das saftige Grün der Palmen von Palm Springs, Kaliforniens Rentnerparadies der ›upper class‹. Soweit der Blick aus dem Wohnzimmer, in der Mitte eine lange Couch, rechts der offene Kamin, die Bar und der geschmückte Happy-Xmas-Tree, links gerahmte Fotos von Family & Friends, darunter, kein Zufall, Ron und Nancy Reagan.
Wir sind bei Lyman und Polly Wyett, irgendwo nahe der Highway-Abfahrt »Other Desert Cities«, der das Stück von Jon Robin Baitz den Titel verdankt. Die Wyetts sind zwar alt und reich genug, aber nicht ganz freiwillig hier. Der frühere Western-Schauspieler und spätere Botschafter der USA, Republikaner von Schrot und Korn, und seine politisch noch körnigere und schrötigere Frau, haben sich zurückgezogen, nachdem ihr Ältester, der Young Radical Henry, in den 80ern in einen Anschlag auf ein Rekrutierungsbüro der US-Army verwickelt war und sich dann in den kalten Wassern vor der kanadischen Küste ertränkte. Zwanzig Jahre ist das her, und für die beiden definetly ein Tabuthema auch an Weihnachten.
Aber nicht für Brooke, ihre Tochter, die nach Jahren erstmals wieder zum Fest erscheint. Die Schriftstellerin, streitbar liberal, frisch geschieden und vom Nerven-Breakdown erholt, hat sich den schmerzlichen Verlust ihres großen Bruders vom Leib geschrieben und das im »New Yorker« bereits zum Abdruck stehende Skript mitgebracht. Schöne Bescherung für Mom & Dad. Und Ring frei zum Clash der Generationen, an dem auch Brooks jüngerer, Harmonie suchender Bruder Tryp, der TV-Serien produziert, und die unter Alkentzug leidende Schwester Pollys, Silda, beteiligt sind.
Die Katastrophe ist programmiert und kommt wie das Amen in der Kirche der True Believers, aber völlig anders, als man denkt. Regisseur Tom Littler, der am English Theatre schon mit »Strangers on a Train« (Strandgut 10/2014) imponierte, baut die von starkem Wortwitz und überraschenden Dialogwendungen getragene Spannung behutsam auf und verfügt dazu über großartige britische Schauspieler. Allen voran Ian Barritt, der den alten Lyman jederzeit glaubwürdig in unvermutete Gefühlshöhen katapultiert. Großes Theater auch von Dianes Fletchers scharfzüngiger, aber auch scharfsinniger Polly, die nur äußerlich dem Bilderbuch der Ami-Zicken und -Schnepfen entsprungen scheint. Obwohl Mary Doherty es da als Emo-Schnitte Brooke nicht eben einfach hat gegen die alte Garde, weiß sie doch unsere Sympathie über ihre Achterbahnfahrt bis in den Zielvorhang zu sichern. James McGregor (Tryp) und Kate Harper (Silda) stehen da nicht zurück. Kurzer Kopf, Nase, totes Rennen lautet unser Zielspruch. Dass die Fünf in der wilden kalifornischen Wüste den englischen Akzent pflegen, tut dem europäischen Ohr eher wohl. Das Amerikanische, nur so viel sei verraten, kommt bestimmt nicht zu kurz.

Winnie Geipert
Bis 31. Mai: Di.–Sa. 19.30 Uhr, So. 18 Uhr
www.english-theatre.de

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