Doppelgängerwelt: Stephen Kings »Outsider«

58 Romane seit »Carrie« (1974) und auch sein neuestes Werk wieder ein fetter Ziegel. Immer noch kann Stephen King überraschen, er schreibt nicht dauernd nur das Gleiche. Gute 400 Seiten lang ist das Buch, ein spannender Polizeiroman, dann öffnen sich endgültig die doppelten Böden. Es braucht Chuzpe, im Jahr Zwei von Donald Trump und seiner Hetze auf alles Fremde, ausgerechnet einen mexikanischen Boogieman – den Gestaltverwandler »el Cuc«o, der vom Blut und Fett von Kindern lebt – als Schreckfigur zu präsentieren. Hier spielt ein Könner mit den aktuellen und subkutanen Phobien und Ängsten einer Gesellschaft, dies nicht nur einstrophig und eindimensional.
Erst einmal ist der King’sche Horror der des Alltäglichen: Terry Maitland, ein allseits geachteter Lehrer, Vater zweier Kinder und Trainer der Jugend-Baseballmannschaft der fiktiven Stadt Flint City in Oklahoma, hat einen Elfjährigen grauenhaft ermordet. Die Beweise sind unwiderlegbar, DNA und Fingerabdrücke, sonnenklar. Das Verbrechen zu verstehen ist das Schwierige: »Das muss ein Geisteskranker sein, der so etwas tut«. Entsprechend schnell wird der als Täter ausgemachte Ehrenmann ausgestoßen und gebrandmarkt, aller Unschuldsbeteuerung zum Trotz. Die Videoaufnahme einer Lesung von Harlan Coben – kleiner Scherz unter Kollegen ‑ in einer anderen Stadt belegt jedoch, dass der von einem »Make America Great Again«-Kappen tragende Mob beinahe Gelynchte tatsächlich ein Alibi hat. Wie geht das, an zwei Orten gleichzeitig zu sein? Eine Gespenstergeschichte aus der Mojavewüste und Reminiszenzen an Edgar Allan Poe legen Spuren in die Doppelgängerwelt.
Aus der fiktiven Oklahoma-Stadt Flint City verlagert sich die Geschichte nach Texas, Stephen King entdeckt den Südwesten, eine Hommage an die mexikanischen Luchadoras-Filme inklusive (»wie die heutigen Superhelden, nur viel billiger«). Der DVD »Mexikanische Catcherinnen im Angesicht des Monsters« fehlt die sonst übliche Warnung des FBI vorm Raubkopieren. Ziemlich in der Mitte des Buches diskutieren zwei Charaktere die Filme von Stanley Kubrick, der 1980 Kings »Shining« kongenial verfilmte. Genau dieser Film wird mit »Wege zum Ruhm« von 1957 verglichen und es heißt: »Junge Künstler gehen viel eher ins Risiko als Arrivierte«.
Stephen King, mit weltweit über 400 Millionen verkauften Büchern eine Industrie, könnte sich auf seinem Namen ausruhen. Aber er tut es nicht. Auf die ihm eigene Art findet er hier Bilder für Outsider, für die Angst vor dem Fremden und dafür, wie nahe das Fremde uns doch in Wirklichkeit ist. »Fremdlinge, Monster jenseits unseres Verstehens«, das sind hier beileibe nicht die Mexikaner. Das Buch seziert nicht nur den gesellschaftlichen Umgang mit Sexualstraftätern, es stellt die scheinbar gesicherte Normalität in Frage, innerhalb der auch jemand planen kann, sich bei einem Konzert umzubringen und tausend Jugendliche oder mehr mitzureißen.

Alf Mayer
Stephen King: Der Outsider (The Outsider, 2018). Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt. Heyne Verlag, München 2018. 752 Seiten, 26 Euro.

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