Dieser morbide Zauber: »Nico, 1988« von Susanna Nicchiarelli

In diesem atmosphärischen Psychogramm werden die letzten beiden Lebensjahre der legendären Underground-Ikone Nico alias Christa Päffgen beleuchtet und glaubhaft vermittelt, warum diese verstörende Sirene ein Mythos ist.

Bei einem Interview in Manchester sagt sie schroff, die Stadt erinnere sie an das Berlin der Kriegszeit. Im kommunistischen Prag, wo die Veranstalter unter großen Risiken ein illegales Konzert auf die Beine stellen, pöbelt sie herum, weil der Heroinnachschub stockt. Weil der Gitarrist daneben greift, bricht sie brüsk ein Konzert ab. Obwohl das alternde ›bad girl‹ jeden vor den Kopf stößt, wird es vergöttert. Das muss man erst einmal aushalten: dass eine Rocksängerin dieselbe Narrenfreiheit genießt wie ihre männlichen Kollegen.
Dieses Psychogramm, das die zwei letzten Lebensjahre von Nico umfasst, ist erfrischend ungewöhnlich und vermittelt stets das gute Gefühl, dass Regisseurin Nicchiarelli weiß, was sie tut. 1986 ist Nico, bürgerlich Christa Päffgen, ziemlich am Boden. Umsorgt vom leidensfähigen Tourmanager Richard tingelt sie mit einer zusammengewürfelten Band im Tourbus durch Europa, bevor sie 1988 im Urlaub auf Ibiza mit nur 49 Jahren stirbt. Dezente Streiflichter gewähren Einblicke in ihre Vergangenheit als deutsches Supermodel, das mit Hilfe von Andy Warhol als Sängerin von Velvet Underground berühmt wurde. Weiter zurückreichende Flashbacks verweisen auf Nicos »Rosebud«-Moment, in dem sie als kleines Kind auf das brennende Berlin starrt.
Im Grunde wird die Kenntnis von Nicos tragischem Leben (das bereits im Dokumentarfilm »Nico Icon« ausgebreitet wurde) vorausgesetzt. Doch das Porträt weckt durch seine Konzentration auf die Gegenwart der Titelfigur, die ständig Fragen über ihre Vergangenheit abblockt, die Neugierde. Die Kunst der Inszenierung besteht zunächst im Weglassen. Ohne Sex, Drugs & Rock‘n’Roll-Voyeurismus und ohne die in vielen Frauenporträts übliche Viktimisierung wird eine Avantgarde-Musikerin skizziert, die sich mit gut abgehangenem Trotz seit langem entschieden hat, ihr Ding durchzuziehen. Und die königlich auf ihrem Recht auf Selbstzerstörung beharrt, ohne Rücksicht auf Kollateralschäden, zu denen ihr angefixter Sohn Ari gehört. Dass sie, als Ari im Koma liegt, mit ihrem Tonbad die Geräusche der Lungenmaschine aufnimmt, ist keine Erfindung.
Trine Dyrholms bruchlose Einfühlung in diese Desperada ist eindrucksvoll. Dass Dyrholm, die auch Sängerin ist, die Lieder selbst vertont, trägt entscheidend zur Authentizität bei. Auch in ihrer Interpretation entfalten Nicos trancehafter Gesang und ihre dunkel-heisere Stimme ihren morbiden Zauber. Zugleich lässt sie offen, ob Nicos coole »Ihr-könnt-mich-alle-mal«-Haltung von Drogen oder Traumata herrührt – oder schlicht von einem weltabgewandten Naturell. Untermalt wird diese Sphinxhaftigkeit durch die nächtliche Roadmovie-Atmosphäre. Wenn die Band von einem schäbigen Club zum nächsten fährt, auf einem von heiter-südlichen Renaissancebauten gesäumten Platz Nicos Gruftie-Musik spielt, macht sie ihrem Ruf als »Priesterin der Finsternis« alle Ehre. Und wenn sie in Prag in einem ungewohnt temperamentvollen Auftritt vor begeistertem Ostblock-Publikum »My heart is empty« röhrt, erscheint Rock‘n‘Roll ausnahmsweise wieder als revolutionäre Kraft.

Birgit Roschy (Foto: © Emanuela Scarpa)
NICO, 1988
von Susanna Nicchiarelli, I/B 2017, 93 Min.
mit Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca, Sandor Funtek, Thomas Trabacchi, Karina Fernandez
Biopic
Start: 18.07.2018

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