Die verrückte Liebe zum Film und die Wiederkehr zum Glücksraum Kino

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Das Medium ist die Botschaft, sagt Marshall McLuhan. Schlimmer, sagt Friedrich Kittler: Die Botschaft jeden Mediums ist ein anderes Medium. Mit Dirk Baecker kann man’s präzisieren: Der Inhalt eines Mediums ist das vorangegangene Medium. Bei der Fotografie und beim Computerspiel, zum Beispiel, ist das ziemlich genau nachzuvollziehen. Und das Kino?
Man kann zwei Dinge behaupten, warum auch nicht, noch kann’s einem ja keiner verbieten: Erstens. Was an einem Medium Kunst wird, das denkt über seine Inhalte, und damit über die vorherigen Medien nach. Zweitens. Film ist das Medium, das nicht nur ein vorheriges Medium (sagen wir: das Theater, sagen wir: die Fotografie) enthält, sondern einfach alle.
Film ist Poesie. Film ist Mythos. Film ist Roman. Film ist Skulptur. Film ist Architektur. Film ist Musik. Film ist Oper. Film ist Bild. Film ist Tanz. Film ist Fotografie. Film ist Design. Film ist Marionettenspiel. Film ist Jahrmarkt. Film ist Clownerie. Film ist Wissenschaft.
Kein Wunder, dass man verrückt nach Film werden kann. Oder verrückt vor Film, wie man es nimmt.
Weil, anders gesagt, der Film genau so viel Aus- wie Eingänge hat. Man kann mit Film über dieses und jenes nachdenken, diese oder jene Beziehungen knüpfen, diese oder jene Erfahrung machen, diese oder jene Reise unternehmen, dieses oder jenes Gefühl empfinden. Manchmal verändern Filme wirklich ein Leben; aber es ist schon großartig genug, wenn Filme Wahrnehmungen, Vorstellungen, Phantasien ändern. Und das tun sie, weiß der Himmel.
Es ist daher sehr schwer, und vielleicht auch ziemlich unnütz, über Filme zu reden. Man sollte vielmehr mit Filmen reden. Wie mit einem Dialogpartner. Oder wie mit einer Sprache.

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Film also wird Kunst, wo das Bewusstsein aller anderen Medien, die in ihm stecken, in ein neues Selbstverständnis fließt. Dann kann Film etwas, das alle anderen Medien nicht können, nicht einmal, wenn man sie hintereinander weg oder nebeneinander benutzt. Und noch mehr: Dann ist Film etwas, das allen anderen Medien widerspricht. Das sich von allen anderen Medien befreit.
Das war die Moderne des Films, die in einer schönen Postmoderne verglühte.

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Der Stand der Dinge: Der Film ist, gewiss doch, kein neues Medium mehr. Es gibt neue Medien, die den Film enthalten, wie der Film vorherige Medien enthielt. Die Streaming-Serie, das Computerspiel, die multimediale Installation etc. Und es hat, weitgehend, seinen magischen Ort verloren. Das Kino, wo man Filme gemeinsam, öffentlich und ritualisiert angesehen hat. Einen Ort, wo Licht und Schatten, Körperlichkeit und Phantasie, Konzentration und Entrückung einer ganz eigenen Dramaturgie folgten.
Natürlich enthielt auch das Kino vorherige Kunst-Räume. Es war und ist gelegentlich Theater, Stadion, Gasthaus, Tempel, Tanzboden, Thingplatz und Schule. Das alles und auch wieder anderes.
Es war, ganz nebenbei, perfekte Spiegelung einer sozialen und kulturellen Situation. Das Kino in Mumbay ist nicht das Kino von Neukölln; das Kino der Kinder ist nicht das Kino der Erwachsenen; das Kino der glanzvollen Premieren ist nicht das Kino um die Ecke; das Kino der studentischen Rebellion ist nicht das Kino für ›worker’s playtime‹; das Gartenkino ist nicht das Kellerkino. Das Kino der fünfziger Jahre ist nicht das Kino der sechziger Jahre ist nicht das Kino… Und ach, wir hören die Seufzer: Das hier, das ist nicht mehr mein Kino.
Wenn Film immer neu ist, dann ist das Kino immer schon nostalgisch. Damit man auf der Leinwand sehen kann, was vor einem liegt, brauchte man einen Raum der Rückkehr. Man möchte zum immer neuen Film voran und zum immer alten Kino zurück. Dabei keine Enttäuschungen zu erleben ist ziemlich schwierig.

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Kein Medium verschwindet, kein Kult-Raum wird vollständig vergessen. Das Leben von Film und Kino hat sich wieder fundamental verändert. Film und Kino in der reinen Form sind zu einem »Kulturerbe« geworden. Das sowohl würde- als auch lustvoll zu verwalten ist schon einmal eine tolle Aufgabe. Aber je, sagen wir: verdichteter (oder eben auch rarer) Film und Kino geworden sind (ökonomisch und kulturell, wie es sich für Medien gehört, die nicht mehr genügend Wachstum und Profit generieren, in der Dauerkrise), desto genauer wird der Blick auf »das Filmische« oder »das Kinohafte« in vielen biographischen und öffentlichen Repräsentationen. Wo Film und Kino als kulturelle Einheit zu wenig geworden sind, da ist es als Methode und Stimmung schon viel zu viel. Das Kino als Kulturerbe ist also zugleich Schatzkammer und Rückzugsort in der Welt, in der man in Bildern nur ertrinken kann.

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Film und Kino sind für uns als gemeinsamer Raum der Reflexion und des Genusses deshalb so wichtig geworden, weil unsere Umwelt damit droht, totaler Film und totales Kino zu werden. Dass ein Kino die Türen schließen kann, dass vor dem Film, wenn sich schon kein Vorhang mehr bewegt, doch mehr oder weniger feierlich das Licht gelöscht wird, besagt auch dies: Das Bild und die Wirklichkeit sind nicht identisch. Sie haben hier nur ein besonders zärtliches Verhältnis zueinander.

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Den Beruf des »Filmkritikers«/der »Filmkritikerin« gibt es nicht mehr. Allenfalls leistet sich jemand einen eher wenig lukrativen Nebenzweig, im Spannungsfeld zwischen Fandom, Public Relations, Influencer und Deckdienst auf dem untergehenden Schiff namens »Feuilleton«. Natürlich liegen die Gründe dafür in der politischen Ökonomie der Mediengeschichte. Die Filme, auf die es ökonomisch ankommt, brauchen keine Kritik, und diejenigen Filme, die Kritik brauchen können, sind ökonomisch ziemlich irrelevant.
Aber es gibt noch andere Gründe für das Verschwinden einer Nebenkunst der Kinematographie. Es fehlt, unter anderem, an der Verbundenheit im Streit, und am Streit in der Verbundenheit. Die Liebe zum Film vereint nicht mehr, sondern führt im Gegenteil zu einem erbitterten Überlebenskampf. Das hat übrigens nichts mit »Früher war alles besser« zu tun; es ist vielmehr Strukturelement einer Kultur in der Krise.
So wird, vorerst, die Liebe zum Film und die Sehnsucht nach dem Glücks- und Abenteuerort Kino zur schieren Privatsache. Könnte durchaus okay sein, oder? Indes, wenn Filme erst im Kopf der Zuschauerinnen und Zuschauer zu Ende produziert werden, dann wird das Kino erst durch eine »Filmkultur« lebendig. Damit sie Teil der Kulturgeschichte werden, müssen auch Filme wieder in, hochtrabend gesagt: Diskurse, verwandelt werden. Gemeint ist: Man muss über Filme sprechen können, damit sie im gemeinsamen Gedächtnis bleiben können.

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Wer über Film und Kino nicht mehr sprechen kann, wird beides verlieren. Was man dazu braucht, ist eine gemeinsame Lust, eine gemeinsame Sprache, einen gemeinsamen Ort. Auch wenn der Film nicht mehr das neue, nicht mehr das heißeste Medium sein mag, kommt ihm als dramatische Schnittmenge von Öffentlichem und Persönlichem eine Schlüsselrolle zu. Film, Kino und wie wir damit umgehen, sagt mehr über unsere Gesellschaft aus, als es vielleicht auf Anhieb scheinen mag. Es ist der Ort, an dem sich das Persönliche öffnet und das Öffentliche sich intimisiert. Man muss das nicht nur wollen, man muss es auch aushalten können.

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Das Kino war das Medium des 20. Jahrhundert, im Guten wie im Schlechten. Zur Konstruktion des modernen Menschen gehörte es wie das Automobil, wie das Telefon, wie das familieneigene Badezimmer. Auch diese Dinge verlieren ihren kulturellen Nennwert, wenn auch in verschiedenen Geschwindigkeiten. In allem machen sich jedenfalls neue Grenzziehungen zwischen dem Öffentlichen und dem Subjekthaften bemerkbar. Orte, an denen das Subjektivieren und das Kollektivieren in einer solchen Balance vonstattenging, wie im Kino, werden selten. Ins-Kino-Gehen ist eine Kulturtechnik, die zu verlieren wir drauf und dran waren. Aber halt! Was gehörte ganz oben auf, kurz vor der »Rückkehr zur Normalität« in der Corona-Krise, zur Liste der Unternehmungen nach dem Lockdown? Genau. Ins-Kino-Gehen. In der Krise sehnten sich offenbar mehr Menschen danach, endlich »wieder« ins Kino gehen zu können, als vor der Krise überhaupt noch ins Kino gegangen sind. Vielleicht deutet das darauf hin, wie sehr es immer noch ein, wenn vielleicht auch verschütteter, Sehnsuchtsort ist. Ein Ort der Geborgenheit. Und ein Ort der Freiheit.

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Die Liebe zum Film und die Sehnsucht nach dem Kino sind vermutlich nur schwer ohne diesen Begriff zu verstehen: Freiheit. Mit Filmen befreite man sich, zum Beispiel, von den Fesseln der Kindheit. Hier erfuhr man zum ersten mal vielleicht, dass die Welt viel größer, suggestiver, abenteuerlicher aber auch gefährlicher war, als man »von daheim« erfuhr. Im Kino setzten die Rebellionen der Nachkriegsjugend ein. Filme waren das Transportmittel für Befreiungsbewegungen auf fernen Kontinenten, und Filme brachten Kunde davon. Das Kino war kosmopolitisch, bevor es zur Vermarktung von Globalisierungsbildern werden musste. Und immer noch: Im Kino gibt es Kritik und Widerstand gegen einen medialen Mainstream, in dem vielleicht gar nicht mal viel gelogen werden muss, nur alles vermischt zu einem Konsens- und Hysterie-Brei. Tatsächlich also geht es gar nicht mehr so sehr darum, was das Kino noch kann (so viel ist es ja nicht, sieht man davon ab, dass man digital noch mehr imaginäre Zerstörung zeigen kann als analog), es geht auch darum, was das Kino verteidigt. Das Recht auf den genauen Blick. Das Recht auf den Eigen-Sinn der Bilder. Das Recht auf Dauer und Rhythmus. Das Recht auf Perspektivwechsel. Das Recht, kurzum, auf Bilder der Kritik und Kritik der Bilder. Das Recht auf künstlerische Autonomie. Und, pathetisch gesagt, das Recht auf Schönheit.

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Zu den schönsten Augenblicken im Kino gehört es, wenn im Bewegungsbild auf der Leinwand einmal alles stimmt. Die große Einheit von Schauspiel, Licht, Farbe, Bewegung, Musik, Dekors … Zu den zweitschönsten Augenblick im Kino aber gehört es, wenn im Bewegungsbild auf der Leinwand gar nichts mehr »stimmt«, wenn Schauspiel, Licht, Farbe, Bewegung, Musik und Dekors sich widerspenstig und rebellisch zueinander verhalten; wenn sich, was da passiert, einfach weigert, Sinn, Nutzen und Erklärung zu liefern. Ein Film ist so gut, wie er für jedes Geheimnis, das er aufklärt, mindestens ein neues Geheimnis eröffnet. Er soll zeigen, dass die Bewegung in die Tiefe der Bilder immer unendlich ist. Weil der Film als Oberfläche immer durchsichtig ist. Immer Fenster und Spiegel zugleich, was schon rein technisch eine solche Herausforderung ist, dass man keine Sorge haben muss, mit den Mitteln des Films sei irgendwann einmal »alles gesagt«.

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Die Zukunft von Film und Kino ist prekär. Denn jenseits der globalen Blockbuster-Produktionen der großen Traumfabriken (die, manchmal ziemlich direkt, den Kino-Raum von innen sprengen) handelt es sich nicht mehr um ein wirkliches Massenmedium. Der mittlere »Publikumsfilm«, in den Kunst und Kritik als »Schmuggelware« eingebracht werden können (wie Martin Scorsese das einmal formulierte) ist eher selten geworden. Aber es gibt auch sehr gute Gründe, sich der Vereinnahmung durch Musealisierung, Subventionierung, so genannte »Hochkultur« mitsamt ihrer Kulturbürokratie und Kulturschickeria zu entziehen. Wenn Film und Kino die Fähigkeit zum Wilden, Unberechenbaren, Verrückten und Widerspenstigen verlören, bräuchte man nicht viele Worte um ihren Verlust zu verlieren. Aber so weit sind wir noch lange nicht.

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Kino und Film leben in einem Status der Unsicherheit. In einem solchen werden neben dem Überlebensnotwendigsten (nämlich Geld und Bestandsgarantien; nennen wir es eine Minimalforderung an eine Gesellschaft, die sich audiovisuell nährt von der Produktivkraft des Kinos) vor allem zwei Dinge erhofft: Solidarität und kulturelle Praxis. Mit anderen Worten: Reden wir nicht nur übers Kino. Gehen wir auch hin.

 

Georg Seeßlen / Foto: Der Mond in der Gosse

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