Die Komödie Frankfurt feiert »Monsieur Claude und seine Töchter« als Theaterstück

Formidabler französischer Völkerball

Viele der erfolgreichen französischen Kinokomödien gehen auf Theaterstücke zurück. Bei »Monsieur Claude und seine Töchter« (Philippe Chauveron/Guy Laurent) ist es umgekehrt. Die Komödie Frankfurt gibt nun ein in jedem Sinne beredtes Beispiel dafür, dass das auch funktioniert. Unter der Regie von Frank-Lorenz Engel endete die Premiere dieser Persiflage über Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile mit ›standing ovations‹.
Die Handlung ist einfach, und zur Sache kommt sie sofort auf der Kellerbühne, wo das Ehepaar Marie Verneuil recht betreten am Rand steht, während im Zentrum die ausgelassenen Hochzeitsfeiern von drei seiner vier Töchter steigen. Mit viel Tanz bei Isabelle und Abderazak sowie Adèle und Abraham, und jede Menge Selfies bei Michelle und Chao Ling. Als Gaullist macht Claude Verneuil kein Geheimnis daraus, dass er sich lieber weiße katholische Franzosen als Schwiegersöhne gewünscht hätte, denn geborene Franzosen sind diese allesamt, freilich arabischer, jüdischer und chinesischer Provenienz. Nachdem Claude als Grand-Père gar noch nach jüdischer Tradition die Vorhaut seines neugeborenen Enkels im Garten vergraben soll, gilt seine ganze Hoffnung der vierten, noch ledigen Tochter Laure.
Ihre Wahl für den Mann des Lebens bringt indes mit noch mehr Farbe die Seelenbalance des gesamten Multikulti-Clans zum Kippen. Der Vater metzelt mit der Kettensäge den Garten nieder und Maman rennt zum Psychiater. Die Rettung, so viel sei verraten, kommt von der Elfenbeinküste.
»Monsieur Claude und seine Töchter« erzählt die Genese eines mit Witz, Intelligenz und pikanten Dialogen gespickten Lernprozesses, der in Zeiten des Rechtspopulismus und verrohender politischer Kultur mehr zur Toleranz beitragen dürfte als jeder verbissene Talk.
Die schmucklose Bühne kommt mit wenigen Requisiten aus, die in schnellen Szenenfolgen zu gefälliger französischer Musik schwungvoll wechseln. Bei einem Paar mit vier Töchtern und ebenso vielen Gatten lässt sich ahnen, dass die Besetzung üppig ausfällt, 13 Darsteller sind es. Als staubtrockener Familienvater, der sich für keinen bösen Kommentar zu schade oder gar zu entschuldigen bereit ist, zeigt Intendant Claus Helmer, was für ein toller Schauspieler er doch auch ist. Mit sparsamer Mimik spitzt der 73jährige noch jede Szene genüsslich zu, selbst wenn er, wie zu Beginn, nicht mal was sagt. Aber auch seine Sprüche sind die besten, sieht man von dem Vorwurf des jungen Charles gegen Laure ab, wie sie ihm nur habe verschweigen können, dass ihre Eltern Weiße seien, und Mamans (herzig beherzt, Christine Glasner) Ausruf »Was haben wir dem lieben Gott bloß getan!«.
Schade, aber kaum zu vermeiden, ist allein an dieser schwungvollen Inszenierung, dass die in schnellen Wechseln realisierte Pointendichte den Einzelcharakteren kaum Raum zur Entfaltung lässt. Ausnahmen: Sophia Maria Ammanns Sensibelchen Michelle, Felix Frenkens Sonnyboy Charles und der wunderbar wandelbare Pascal Simon Grote, der als Rabbi, Pfarrer, Psychiater, Polizist und Freier Xavier. Ein Vergnügen.

Winnie Geipert (Foto: © Helmut Seuffert)
Bis 4. Februar: Di.–Sa. 20 Uhr, So. 18 Uhr
www.diekomoedie.de

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