Die besten Kriminalromane des Jahres 2019

Der Deutsche Krimi-Preis und die CrimeMag Top Ten

Es ist der älteste deutsche Krimipreis. Seit 1985 zeichnet eine Jury aus Krimi-Kritikern, Literaturwissenschaftlern und Krimi-Buchhändlern die besten Kriminalromane mit dem Deutschen Krimipreis aus. Gewürdigt werden die jeweils drei besten Romane in den Kategorien National und International, die »inhaltlich originell und literarisch gekonnt dem Genre neue Impulse verleihen«.

Der Preis ist undotiert, aber sehr begehrt. Er steht auf den Covern und auch international erfolgreiche Autoren sind darauf stolz, Garry Disher in Australien etwa oder James Lee Burke in den USA. Im 35. Jahr übernahm die Hamburgerin Kirsten Reimers die Organisation des Preises von Gründer Reinhard Jahn. Ansonsten blieb und bleibt es bei der Schwarmintelligenz des Preises, der erstaunlich zuverlässig die Spitzenprodukte des Genres widerspiegelt. Das Feld der vorderen Plätze setzt sich immer sehr deutlich von den Verfolgern ab. Hier die aktuellen Ergebnisse.

 

36. Deutscher Krimi Preis 2019

National
1. Johannes Groschupf: Berlin Prepper (Suhrkamp)
2. Regina Nössler: Die Putzhilfe (konkursbuch)
3. Max Annas: Morduntersuchungskommission (Rowohlt)

International:
1. Hannelore Cayre: Die Alte (Argument/Ariadne)
2. Dror Mishani: Drei (Diogenes)
3. Denise Mina: Klare Sache (Argument/Ariadne)

Die Romane im Schnelldurchlauf:
»Berlin Prepper«, hier im Juli 2019 ausführlich besprochen: Es gibt Bücher, bei denen man schon nach eineinhalb Seiten weiß, dies wird ein Leseerlebnis, vielleicht sogar ein großes. Das erste Kapitel verdient es, in Lehrbücher Eingang zu finden, so mustergültig ist dieser Thriller-Anfang, kompakte sieben Druckseiten lang. Wir sehen Berlin, wie es uns noch keiner gezeigt hat. Walter Noack arbeitet in einer besonderen Putzkolonne bei einer großen Tageszeitung, nachts muss er die Pöbeleien und Hasstiraden in den Kommentaren löschen. Das tägliche Gift, der Dauerhass sickert schließlich auch in Noacks Seele. Er schliddert allmählich in die trübe Szene von waffenhortenden Preppers, Reichs- und Wehrbürgern, abgestoßen und fasziniert zugleich. Ich bin versucht, es genial zu nennen, wie virtuos das Buch einen Kammerton setzt und dann den Takt mehr und mehr verschärft, wie die dem Weltuntergang ins Auge blickende Prepper-Philosophie dem durch die Medien sickernden Welthass der Wutbürger Tiefenschärfe und Säure gibt. Ein Umami-Buch voll neuer, so noch nicht geschmeckter Aromen. Ein Großstadtroman für das 21. Jahrhundert. Klug und scharf dazu. Realitätsgesättigt. Welthaltig. Großartig geschrieben. Ein Meisterstück.
»Die Putzhilfe«: Das neue Buch von Regina Nössler, die ich bereits 2014 hier in dieser Kolumne als würdige Nachfolgerin von Patricia Highsmith vorgestellt habe. Die promovierte Soziologin Franziska lässt in der Münsterländer Provinz Mann, Haus und Karriere hinter sich, um in Berlin unterzutauchen. Als die Geldreserven schwinden, verdingt sie sich als Putzhilfe. Doch ihre neue Arbeitgeberin hat genauso etwas zu verbergen wie Franziska auch. Hinzu kommt eine herumstreunende Jugendliche aus Neukölln, die beginnt, Franziska zu verfolgen. Raffiniertes Spiel aus Krimi- und Sozialklischees, konsequent aus der Perspektive der drei Frauen erzählt. »Regina Nössler spielt virtuos auf dem Klavier der umlaufenden Vorurteile. (…) ›Die Putzhilfe‹ handelt von Kontrolle und sozialen Normen, von Einengung und Befreiung, von realer und eingebildeter Überforderung. Alle diese Themen bilden den schwebenden Hintergrund einer ebenso überraschenden wie spannungsreichen Handlung.« (Tobias Gohlis, Deutschlandfunk Kultur)

»Morduntersuchungskommission«, im Oktober 2019 in dieser Kolumne ausführlich besprochen: Der mehrfache Krimipreis-Träger Max Annas geht in die DDR. Oktober bis Dezember 1983. Seine Hauptfigur ist der Oberleutnant Otto Castorp von der MUK in Gera, Anfang 30, verheiratet, zwei Kinder, Affäre mit einer Buchhändlerin. Eine Obrigkeitsfigur als Zentralperspektive – ganz in der Tradition des DDR-Kriminalromans und des »Polizeirufs 110«, der eine DDR-Erfindung war, als Gegenentwurf zum »Tatort«.
Max Annas sieht seinen Polizisten als Serienfigur, der zweite Roman ist schon fertig und kommt im Sommer. Das Verbrechen, das Castorp bei seinem ersten Auftritt zu lösen versucht, darf es im »Realsozialismus« gar nicht geben und dessen gesellschaftlichen Umstände erst recht nicht: Ein Vertragsarbeiter aus Mozambik, einem sozialistischen Bruderland, wird grausam ermordet aufgefunden, es gibt Hinweise auf einen fremdenfeindlichen, rassistischen, ja neonazistischen Hintergrund, und das im antifaschistischen Musterstaat. Der Roman spielt zeitlich wie räumlich da, wo der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) seinen Anfang nahm und hat ein reales Vorbild. Das unaufgeregt genaue Buch ist ein wichtiger Baustein dafür, die DDR auch als Kriminalroman zu erzählen.

»Die Alte«: Madame Portefeux, die Arabischübersetzerin mit den blauen Augen, führt ein Scheißleben. Die Kohle ist knapp, die alte Mutter liegt im Sterben, die Welt biegt sich vor Ungerechtigkeit. Dann tut sich unverhofft eine Chance auf, die einfach ergriffen werden muss. Und alles wird anders. »Hannelore Cayres Prosa ist von rasanter Lakonie, biestig, boshaft, ätzend, tödlich präzise, scheuklappenfrei und dabei sensibel. Ihre Komik balanciert dabei clever zwischen Handlungs- und Sprachkomik, aber wer hier eine Satire sehen möchte, irrt. Satire überzeichnet. Hannelore Cayres Romans dagegen trifft die gesellschaftlichen Verhältnisse schon fast hyperrealistisch.« (Thomas Wörtche, Deutschlandfunk Kultur)

»Drei«: Eine Frau sucht ein wenig Trost, nachdem ihr Mann sie und ihren Sohn verlassen hat. Eine zweite Frau sucht nach einem Zuhause und nach einem Zeichen von Gott, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Eine dritte Frau sucht etwas ganz anderes. Sie alle finden denselben Mann. Es gibt vieles, was sie nicht über ihn wissen, denn er sagt ihnen nicht die Wahrheit. Aber auch er weiß nicht alles über sie. »Eine gefährliche Lektüre. Auf mehreren Ebenen.« (Tobias Gohlis, Deutschlandfunk Kultur)

»Klare Sache«: Anna McDonald führt in Glasgow ein unauffälliges Leben. Ihre Leidenschaft sind True-Crime-Podcasts. Eintauchen in eine Parallelwelt voller Rätsel und ungelöster Verbrechen … Ihr neuer Podcast klingt besonders verheißungsvoll: »Der Tod und die Dana«. Ein versunkenes Schiff, ein uralter Fluch, Explosion und Mord. Was will man mehr? Aber auf Anna wartet eine böse Überraschung. »Ein wildes, sprunghaftes Buch – allerdings gelingt es Denise Mina, die vielen disparaten Themen (Promis, die von Fans belästigt werden, hohe Investitionen in Fußballclubs, Steuerbetrug, Prekariat und Protz) lässig zu integrieren. Es hilft, dass ihre Figuren glaubwürdig sind.« (Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau)

Und noch mehr Lektüre-Empfehlungen: Das Online-Magazin CrimeMag, das einzig ernstzunehmende Magazin für Kriminalliteratur in Deutschland, fragte 27 Autor(innen) und Kritiker(innen) nach den »CrimeMag Top Ten 2019«.
1. Johannes Groschupf: Berlin Prepper (Suhrkamp)
2. Hannelore Cayre: Die Alte (Ariadne. Dt von Iris Konopik)
3. Attica Locke: Blue bird, blue bird (Polar. Dt. Von Susanna Mende)
4. Regina Nössler: Die Putzhilfe (konkursbuch)
5. Andreas Pflüger: Geblendet (Suhrkamp)
6. Garry Disher: Kaltes Licht (Unionsverlag. Dt. von Peter Torberg)
7. Max Annas: Morduntersuchungskommission (Rowohlt)
8. James Sallis: Willnot (Liebeskind. Dt. von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt)
9. Franz Dobler: Ein Schuss ins Blaue (Tropen)
10. Simone Buchholz: Hotel Cartagena (Suhrkamp)

Für die gesamte Jenny-Aaron-Trilogie von Andreas Pflüger gibt es zwei Sondervoten von Tobias Gohlis und Alf Mayer. (Besprechung hier im Strandgut 9/2019)

Abgestimmt haben: Max Annas, Ulrich Baron, Oliver Bottini, Ute Cohen, Claudia Denker, Hanspeter Eggenberger, Joachim Feldmann, Wolfgang Franßen, Frank Göhre, Tobias Gohlis, Johannes Groschupf, Friedemann Hahn, Sonja Hartl, Elmar Krekeler, Else Laudan, Constanze Matthes, Alf Mayer, Peter Münder, Marcus Müntefering, Ulrich Noller, Frank Nowatzki, Andrea O’Brien, Roland Oßwald, Andreas Pflüger, Frank Rumpel, Jan Christian Schmidt, Thomas Wörtche.

www.deutscher-krimipreis.de
www.culturmag.de

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