Die besten Kriminalromane des Jahres 2018 Der Deutsche Krimi-Preis und die CrimeMag Top Ten

Mit seinen jetzt 35 Jahren ist es der älteste deutsche Krimipreis. Seit 1985 zeichnet eine Jury aus Krimi-Kritikern, Literaturwissenschaftlern und Krimi-Buchhändlern die besten Kriminalromane des Jahres aus. Mit dem Deutschen Krimi Preis – vergeben in den Kategorien national und international – werden jeweils drei Romane gewürdigt, die »inhaltlich originell und literarisch gekonnt dem Genre neue Impulse verleihen«.
Der Preis ist undotiert, aber sehr begehrt. Auch international erfolgreiche Autoren sind darauf stolz. Im jetzt 35. Jahr gibt es an der Organisationsspitze einen Stabwechsel: Die Hamburgerin Kirsten Reimers übernimmt von Gründer Reinhard Jahn. Ansonsten bleibt es bei der schwarmintelligenten Weisheit des Abstimmungsverfahrens, das erstaunlich zuverlässig die Spitzenprodukte des Genres widerspiegelt. Das Feld der vorderen Plätze setzt sich meist sehr deutlich von den Verfolgern ab. Hier druckfrisch die aktuellen Ergebnisse.

35. Deutscher Krimi Preis 2019
National
1. Simone Buchholz: Mexikoring (Suhrkamp)
2. Matthias Wittekindt: Die Tankstelle von Courcelles (Edition Nautilus)
3. Max Annas: Finsterwalde (Rowohlt)

International
1. Hideo Yokoyama: 64 (Atrium Verlag)
2. Tom Franklin: Krumme Type, krumme Type (Pulp Master)
3. Denise Mina: Blut Salz Wasser (Ariadne/Argument)

Hier die Preisträger im Schnelldurchlauf:
»Mexikoring« von Simone Buchholz ist der achte Roman mit der deutschamerikanischen Ermittlungsstaatsanwältin Chastity Riley vom Hamburger Kiez. Der »Deutsche Krimi Preis« dafür ist hochverdient. In Hamburg brennen die Autos, eines Nachts verbrennt darin der verlorene Sohn eines arabischen Clans aus Bremen. Was ist da los, wenn die Gangsterkinder von der Weser neuerdings an der Alster sterben?
Das rasiermesserscharf geschriebene Buch – Was für Dialoge! Was für Sätze! – führt vom Büroviertel Mexikoring in Winterhude in die Nachbarstadt und mitten hinein in die Clanrealität und in die Ohnmacht des Staates. Auch die Hauptfigur Chastity Riley, schlafgestört und immer aufgekratzt, ist ziemlich abgefackelt. Wer sagt, dass nur Humphrey Bogart das Monopol auf zerknauscht und auf ›hardboiled‹ hat? Außerdem geht es um Liebe. Ein grandioser Kriminalroman und zu Recht auf Platz 1.

Matthias Wittekindt (Jahrgang 1958) hat Architektur studiert und Häuser gebaut, dann Theaterstücke und Hörspiele geschrieben. Seit 2011 füllt er Buch um Buch eine Modelllandschaft mit Figuren und Geschichten, so Tobias Gohlis. Sie liegt in einem Dreiländereck zwischen Frankreich, Deutschland und Luxemburg, ist erfunden, aber dennoch wahr. »Die Tankstelle von Courcelles« ist der fünfte Roman mit dem Ermittler Ohayon, zeigt seine Anfänge als Gendarm. Das eindrucksvolle Buch wird nicht in Szenen, sondern in Bildern erzählt und umreißt den unendlichen Raum von Schuld und Wahrheit.

Max Annas hat sich bereits mit seinen Romanen »Die Farm«, »Die Mauer« und »Illegal« Meriten erworben. Seine Bücher sind schnell wie Actionfilme, aber weitaus klüger. Seine Protagonisten sind immer in Bewegung, um nicht zu sagen: auf der Flucht. In »Finsterwalde« führt er uns, nachdem wir mit ihm schon in Südafrika und in Berlin waren, in eine durch Landflucht entvölkerte brandenburgische Kleinstadt. Nach einem Wahlsieg der Rechtspopulisten sind alle Deutschen zwangskaserniert, die eine schwarze Hautfarbe haben. Die Ärztin Marie wurde mit ihren beiden Kindern nach Finsterwalde deportiert. Zusammen mit einer kleinen Gruppe kämpft sie sich zurück nach Berlin, durch 100 Kilometer Deutschland, in denen sie Freiwild sind. »Spekulativen Realismus« nennt Jurymitglied Ulrich Noller das literarische Verfahren. Ein Hochgeschwindigkeits-Roman.

Hideo Yokoyama wurde 1957 in Tokio geboren und arbeitete eine Zeitlang als Polizeireporter. Sein Roman »64« wurde in Japan ein Millionenerfolg und mehrfach ausgezeichnet. Der Inhalt: »Präfektur D«, im Jahr 1989 und 2002. Kurz vor der Verjährung soll der Fall der vor 13 Jahren ermordeten kleinen Shoko noch aufgeklärt werden. Polizeipressechef Mikami kämpft eingeklemmt zwischen Mordermittlern und Bürokraten um Wahrheit und Mitleid. Tobias Gohlis, der Begründer der Krimi-Bestenliste meinte: »Wenn es einen Nobelpreis für Kriminalliteratur gäbe: Yokoyama hätte ihn verdient.« Sylvia Staudte schrieb in der »Frankfurter Rundschau«, ihr sei auf dem Krimimarkt nichts Vergleichbares bekannt, am ehesten könnte man die inhaltliche und formale Kühnheit von »64« vielleicht mit der Fernsehserie »The Wire« vergleichen.

Neben Val McDermid ist Denise Mina die profilierteste schottische Krimiautorin. Sie hat noch keinen schlechten Roman geschrieben. »Blut Salz Wasser« zeichnet aus wechselnden Perspektiven ein komplexes Panorama sozialer Wirklichkeit: eine schottische Kleinstadt, das Seebad Helensburgh, kurz vor dem Unabhängigkeits-Referendum. Detective Inspector Alex Morrow ist eine gestandene Frau voller Widersprüche. Kritikerin Sonja Hartl meinte im Deutschlandfunk Kultur: »Denise Mina dekonstruiert  eindrucksvoll den konservativen Glauben, dass mit der Überführung des Täters alles wieder gut und die Ordnung wiederhergestellt sei. Vielmehr kommen die wahren Schuldigen davon, während ihre Handlanger gefasst werden. Und sie sind es, mit denen man fühlt.«

In Baden-Württemberg gehört »Krumme Type, krumme Type« von Tom Franklin (original 2010: Crooked Letter, Crooked Letter) im Fach Englisch zum Abiturstoff. Alle Achtung, muss man da sagen. Der Roman handelt von Gewalt und Rassismus am Mississippi, ist ein Panorama von Angst und Armut und menschlichen Schwächen. Als ein neunzehnjähriges Mädchen verschwindet, wird sofort Larry Ott verdächtigt, der schon 25 Jahre zuvor unter einem solchen Verdacht gestanden war. Jetzt bricht alles wieder auf. Tom Franklin hat bisher mit jedem seiner (bei uns übersetzten) Bücher geglänzt: »Die Gefürchteten« (2005) und »Smonk« (2017), jetzt hat er sein Meisterstück abgeliefert.

Und noch mehr Lektüre-Empfehlungen: Das Online-Magazin CrimeMag, das einzig ernstzunehmende Magazin für Kriminalliteratur in Deutschland, fragte 20 Kritiker/innen nach den »CrimeMag Top Ten 2018«.
(1) Tom Franklin: Krumme Type, krumme Type (Pulp Master).
(2) Denise Mina: Blut Salz Wasser. Übersetzt von Zoë Beck (Ariadne).
(3) Patrícia Melo: Der Nachbar. Übersetzt von Barbara Mesquita (Tropen).
(4) Aidan Truhen: Fuck You Very Much. Übersetzt von Andrea Stumpf und Sven Koch (Suhrkamp).
(5) Max Annas: Finsterwalde (Rowohlt).
(6) Simone Buchholz: Mexikoring (Suhrkamp).
(7) Garry Disher: Leiser Tod. Übersetzt von Peter Torberg (Unionsverlag).
(8) Bill Beverly: Dodgers. Übersetzt von Hans M. Herzog (Diogenes).
(9) Joe Ide:  Stille Feinde. Übersetzt von Conny Lösch (Suhrkamp).
(10) Claudia Piñeiro: Der Privatsekretär. Übersetzt von Peter Kultzen (Unionsverlag).

www.deutscher-krimipreis.de
www.culturmag.de

Alf Mayer
Simone Buchholz: Mexikoring. Suhrkamp, 247 Seiten, 14,45 Euro.
Matthias Wittekindt: Die Tankstelle von Courcelles. Edition Nautilus, 290 Seiten, 16,90 Euro.
Max Annas: Finsterwalde. Rowohlt, 400 Seiten, 22 Euro.
Hideo Yokoyama: 64 . Aus dem Englischen von Sabine Roth und Nikolaus Stingl. Atrium Verlag, 768 Seiten, 28 Euro.
Tom Franklin: Krumme Type, krumme Type. Deutsch von Nikolaus Stingl. Verlag Pulp Master, 350 Seiten, 15,80 Euro.
Denise Mina: Blut Salz Wasser. Aus dem Englischen von Zoë Beck. Ariadne im Argument-Verlag, 368 Seiten, 19 Euro.

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