Der neue Roman der amerikanischen Altmeisterin Anne Tyler »Der Sinn des Ganzen«

Sie zählt zu den großen amerikanischen Autor*innen der Gegenwart. 1941 im Mittelwesten, Minneapolis, Minnesota, geboren, wuchs sie, nicht weniger provinziell, in North Carolina auf. 1965 erschien ihr erster Roman. Danach, in steter Folge, Buch um Buch. Sie wurde mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet und viele ihrer Bücher wurden erfolgreich verfilmt. Auch der neue Roman zeigt uns Typen wie Du und Ich. Seit sich der Schweizer Verlag Kein und Aber um ihr Werk kümmert, setzt sie sich auch in Deutschland immer mehr durch.

Micah Mortimer, 43, groß, knochig, Einzelgänger, hat »unumstößliche Gewohnheiten«. Jeden Montag wischt er den Fußboden seiner Wohnung, freitags staubsaugt er. Morgens viertel nach sieben geht er joggen. Danach frühstückt er. Zwischen zehn und zehn Uhr dreißig beginnt er seine Arbeit. Er besucht Kunden, die Probleme mit ihrem Computer haben. Im Nebenjob ist er auch noch Hausmeister in dem Mietshaus, in dem er selber wohnt. Er hat eine Freundin, Cass, Grundschullehrerin, aber »sie leben beide eher für sich«. Sie sind seit drei Jahren zusammen und »mittlerweile in der Phase angelangt, in der sich alles mehr oder weniger stabilisiert hatte. Die nötigen Kompromisse waren geschlossen, an die Unvereinbarkeiten hatte man sich angepasst, kleinere Macken wurden geflissentlich übersehen. Dieses überschaubare Leben wird eines Tages durcheinander gewirbelt. Als Micah vom Joggen nach Hause kommt, sitzt Brink, ein junger Mann um die zwanzig vor seiner Haustür und behauptet, Micah sei sein leiblicher Vater. Tatsächlich hatte Micah während seiner Collegezeit mit Brinks Mutter Lorna eine kurze, nur kameradschaftliche Freundschaft. Er hätte gerne mehr gewollt. Sie nicht. Trotzdem blieb Lorna für ihn »seine erste richtige Liebe«. Auch später verlor er alle seine Freundinnen an spannendere Liebhaber. Lorna hingegen hatte nach ihm so viele Männer, dass sie nicht wusste, wer Brinks Vater war. Micah mit Sicherheit nicht. Micah versucht seine (erotischen) Misserfolge zu rationalisieren, erfolgreich. Er redet sich ein der »einsame Wolf« sei ganz froh darüber: »Endlich frei! Endlich vorbei, das ganze Gedöns«. Aber jetzt hat er zwei größere Probleme: Brink, der ihm auf die Pelle rückt und bei ihm wohnen möchte und dann auch noch Cass, der die Kündigung ihrer Wohnung droht und die deshalb liebend gern bei ihm einziehen würde. Micah geht auf ihren Wunsch nicht ein. Das kränkt sie so sehr, dass sie sich von ihm trennen will. Nach diesem Gespräch »blieb er eine Zeit lang sitzen und tat gar nichts«. Auch diesmal scheint er sich mit seinem Alleinsein zu arrangieren und nicht wirklich über sein Leben, »den Sinn, den Witz des Ganzen« nachzudenken. Doch dann erkennt Micah, dass es so nicht geht. Er hatte sich nämlich wirklich in Cass verliebt, fast ohne es zu erkennen, auf den ersten Blick sogar. Als er an ihrer Schule Computer reparierte, bekam er mit, wie sie Schülern, die keine Lust hatten, in einem Altersheim Weihnachtslieder zu singen, erklärte: »Ihr singt da vor lauter zu Tode betrübten Menschen. Das solltet ihr bedenken, wenn ihr meint, ihr hättet keine Lust dazu«. Das hatte ihn auf Anhieb berührt. Deshalb gelingt es Micah jetzt endlich, über seinen Schatten zu springen. Er fährt zu ihr und bekennt ihr seine Liebe. Diesem »verbohrten, beschränkten, abgeschottet lebenden Menschen« gelang es endlich sich zu öffnen und mitzuteilen. Wie in den besten Western kommt es zum großen Showdown. Er fährt in ihre Schule und bekennt ihr auf dem Schulhof, was bislang nie über seine Lippen gekommen war. Sie antwortet, was sie auch noch nie gesagt hatte: »Ach, Schätzchen«.

Sigrid Lüdke-Haertel
Anne Tyler: »Der Sinn des Ganzen«.
Aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger.
Verlag Kein und Aber, Zürich, 2020, 224 S., 22 €

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