Der Frankfurt-Krimi »Bonames« von Charly Weller

»Lebbe geht weider«, dieses echt Frankfurter Motto, hier Dragoslav »Stepi« Stepanovic von der Eintracht Frankfurt zugeschrieben, steht vorne im Roman. Charly Weller bringt in seinem fünften Krimi seinen mehr als unkonventionellen Ermittler, den Gießener Kommissar Roman Worschtfett, pardon: Worstedt, nach Frankfurt zurück. Dort hat er einmal angefangen, nämlich bei der Bereitschaft des 4. Reviers am Wiesenhüttenplatz nahe am Hauptbahnhof, mitten im Milieu. Charly Weller verbeugt sich hier vor seinem viel zu früh verstorbenen Freund Fred Prase, der in diesem Revier Kommissar war und dem das Buch gewidmet ist. Manchen ist Fred Prase vielleicht noch mit »Feuerteich« in Erinnerung, seinem heute vergriffenen und teuer gehandelten emphatischen und schönen Buch über das Bahnhofsviertel. Er war ein richtig guter Polizist, ein angenehmer Zeitgenosse, ein toller Mann. Gut, dass sein Andenken hier hoch gehalten wird. (Und irgendwann hoffen wir auf eine Ausstellung seiner Fotografien im Historischen Museum.)
Wie Fred Prase hat auch Charly Weller ein großes Herz für die Underdogs, für die Schattenseiten der Gesellschaft, für die nicht ganz feinen Viertel der Stadt. Alleine schon der Titel: »Bonames«. In einem früheren Leben war Charly Weller ein geschätzter Filmemacher, »Wetzlar ist nicht Washington« heißt ein Kleines Fernsehspiel von ihm. (Aber das ist nur ein kleiner Ausschnitt seiner Karriere.) Hier lässt er in den ersten Sätzen des Prologs die Romankamera – als wäre sie von den Coen-Brüdern in »Fargo« geführt – über eine spätsommerlich abgelegene Landstraße im nördlichsten Stadtteil von Frankfurt schweifen. Wir folgen dem Kleintransporter einer Installationsfirma zur »Wohngemeinschaft Bonameser Straße«, von den Einheimischen nur »Platz« oder »ach, das Zigeunerlager« genannt. Eine Siedlung abseits urbaner Anbindungen, in den 1950er Jahren als Wohnwagenstandplatz errichtet, an dem sich zeitweise mehr als fünfhundert Schausteller, Zirkusartisten, Schrotthändler, Flüchtlinge sowie Sinti und Roma mit ihren Familien ansiedelten. Nach 1980 gab es hier ein Zuzugsverbot, heute leben dort noch rund siebzig Menschen. Manische Zusammenhänge inklusive. »Hol die Knollepetz«, lautet der letzte Satz des Prologs. Es ist eine Aufforderung, den Bolzenschneider einzusetzen.
Geübte Leser von Charly Weller können diesen Absatz hier überspringen, den anderen sei erklärt, dass es sich beim »Manischen« um die Überreste einer mittelalterlichen Räubersprache jenisch-rotwelschen Ursprungs handelt, also um ein Verständigungsidiom unter Bettlern, fahrendem Volk und kriminellen Subkulturen. Irgendwann auch von Schaustellern übernommen, erkennt man das Manische daran, dass der Ton von einer gewissen nasalen Atemnot unterlegt ist und die »Os« lang gezogen werden. In »Eulenkopf« und »Finsterloh«, den ersten beiden Kriminalromanen mit Kommissar Worschtfett, verortete Charly Weller diese von seltsamen Menschen auch heute noch gesprochene seltsame alte Sprache in bestimmten Siedlungen in Gießen und Wetzlar (auch Til Schweiger ist mit ihr aufgewachsen). Die Romane »Katzenkönig« und „Totenwind“ führten dann Worstedt und seine Kollegin Regina Maritz bis nach Wien, in den Vogelsberg und nach Namibia. Jetzt in »Bonames« witzelt Roman Worstedt, wegen seiner Wurzeln beim Polizeipräsidium Mittelhessen zuständig für Kriminalfälle mit manischer Einbindung: »Ach ja, werde ich jetzt vielleicht bald bundesweit herumgereicht, wenn es irgendwo einen Mord gibt, mit dem irgendein Mano was zu tun haben könnte?«
Genau so ist es. Und das ist gut so. Nach jetzt fünf Romanen kann man nämlich durchaus bekräftigen: »Lang lebe Kommissar Worschfett!« (Ich persönlich freue mich auf den Fall mit dem Oktoberfest, schließlich gibt es da sicher genug Schausteller mit manischem Hintergrund. Aber ich würde und werde diesem Kommissar schlicht überall hin folgen.)
Charly Weller hat den Blick für das Abseitige, es ist ein Völkerkundler an ihm verloren gegangen. Seine Figuren haben die schrägsten Biografien, sind natürlich erfunden, aber trotzdem wahr. Da gibt es die Liebesgeschichte mit Ramona von der Metzgerei und Hilmar aus dem Lager im Baumarkt, da treffen wir Schwarzfahrer, Nutten, Gerichtsvollzieher, Banker, auch einen Flohzirkusdirektor, einen Baumarktdetektiv namens Scarface, zwei Warane namens Ginger und Fred, unbarmherzige Banker, gewissenlose Automanager. Es geht nämlich auch um betrügerische Dieselsoftware und um einen Mord während der Internationalen Automobilausstellung IAA, die Wanderhuren dieses Messe-Events inklusive. Wir kommen ins Interconti und ins Westend und zu »Gref Völsing« auf der Hanauer Landstraße, wo wir erfahren, was dort ein Gedeck ist. Angesichts der Umwandlung der früheren Bäckerei Ludwig, wo es einmal nah am Hauptbahnhof die besten Frikadellen der Stadt gab, in eine Bar, seufzt Roman Worstedt: »Manchmal denke ich so für mich, ob dieses Frankfurt überhaupt noch mein Frankfurt ist.«
Nun, so lange es Frankfurt-Romane dieser Art gibt, bleibt auch die Stadt lebendig, Fahrstuhlgerüche in Bonames, feine Westend-Wohnungen und das Wissen inklusive, dass man am Morgen von Gießen bis zur Bockenheimer Landstraße schon mal zwei Stunden brauchen kann. Das Motto von Eintracht-Trainer »Stepi« taucht auf Seite 71 als Schal an der Wand eines Tatortes auf. Lebbe geht weider. Die Reihe mit Kommissar Worschfett hoffentlich auch.

Alf Mayer

P.S.: Ebenso aufregend wie der neue Kriminalroman von Charly Weller, nur eben anders, ist die sehr lesbare, spannend aufbereitete und vom Verlag großzügig illustrierte Studie von Sonja Keil über »Soziale Wirklichkeit und Geschichte des Wohnwagenstandplatzes Bonameser Straße in Frankfurt am Main«. Es ist die wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Darstellung »unkonventioneller Habitusbildung in einer besonderen Lebenswelt«, und jenseits des Wissenschaftsjargons eine empathische Begegnung mit einer sehr speziellen Personengruppe. Der Diplomsozialarbeiterin Sonja Keil ist hier ein bewegendes und hoch interessantes Buch gelungen – ein Blick in eine Wirklichkeit jenseits der Hauptstraßen,

Charly Weller: Bonames. Kriminalroman. KBV Verlag, Hillesheim 2018. 280 Seiten, 12 Euro.
Sonja Keil: Soziale Wirklichkeit und Geschichte des Wohnwagenstandplatzes Bonameser Straße in Frankfurt am Main. Verlag Brandes & Apsel, Frankfurt 2018. 284 Seiten, Großoktav, Abbildungen, 29,90 Euro.

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