Das Staatstheater Wiesbaden zeigt Daniel Kehlmanns »Tyll«

Ein kopfloser Esel hängt an Seilen von der Decke, auf seinem Körper sitzt der offensichtliche Täter: blutverschmiert, Eselsohren krönen sein Haupt – aus dem Müllersohn Tyll ist der Narr Ulenspiegel geworden. Es ist nur eines von vielen eindrücklichen Bildern, die das Stück prägen und die die Grausamkeit des Geschehens ästhetisieren. Im Großen Haus des Staatstheaters bringt Tilo Nest seine eigene Fassung (Koautor Hanno Friedrich) von Daniel Kehlmanns jüngstem Roman »Tyll« auf die Bühne. Sein Coup: Er lässt – je nach Jahr und Ort – zwei Tylls auftreten: einen jungen (grandios: Paul Simon), und einen alten (mitreißend: Rainer Kühn). Eulenspiegeleien stehen jedoch nicht im Vordergrund, vielmehr reist Nests Held durch die Höllen des Dreißigjährigen Kriegs, leidet unter den ständigen Qualen des Hungers, wird Zeuge der Gnadenlosigkeit der Inquisition (Vater Claus wird der Hexerei bezichtigt und hingerichtet) und erfährt selbst Misshandlung durch Marodeure.
Auf diesem Streifzug trifft Tyll auf schillernde Persönlichkeiten dieser Zeit, wie Friedrich V., Elisabeth Stuart, Paul Fleming und Athanasius Kircher. Obwohl literarische Quellen die Figur im 14. Jahrhundert verorten, sollte er denn wirklich gelebt haben, versetzt sie Kehlmann ins 17. Jahrhundert. Ihm kommt es auf die Fortdauer des Mythos an, der besonders dann auflebt, wenn das Böse die Welt beherrscht und es sich für zynische Provokateure anbietet, mit ihren Widersprüchen zu spielen. Nest visualisiert diese Lesart, indem er Tylls unbändigen Überlebenswillen in den Vordergrund stellt. Dieser zieht das brutale Leben einem friedlichen Tod vor, und da er »aus Luft gemacht« sei, überlebt er jede Katastrophe (Schlacht von Zusmarshausen, Schlacht von Brünn, die Pest etc.).
Der Narr ist die einzige Konstante in den undurchschaubaren Kriegswirren. Damit man nicht die Orientierung verliert, wird auf weiße Papierbahnen, die vom Bühnenhimmel hängen und als Kulisse dienen, vor der jeweiligen Episode die Jahreszahl gepinselt. Doch Nest treibt das Spiel mit der Zeit noch weiter: Des Öfteren stehen beide Tylls auf der Bühne, sprechen synchron oder abwechselnd den Text und fliehen gemeinsam vor Gefahren. Am Ende bleibt Rainer Kühn als ›alter Tyll‹ alleine zurück, um ihn liegen nach einer letzten bombastischen Schlacht – Rauchschwaden wabern über die Bühne, Geschützdonner hallt noch von den Wänden – die Toten im Dreck. Nur acht Schauspieler schaffen es, ein dreieinhalbstündiges cineastisches Spektakel zu veranstalten, klangvoll getragen von polyphoner Vokalmusik. Lina Habicht, Michael Birnbaum, Maria Wördemann, Matze Vogel, Hanno Friedrich und Linus Schütz brillieren dabei in ihren verschiedensten Rollen (24 an der Zahl). Die weißen Verbände, in die sie mumienhaft gewickelt sind (Kostüme: Anne Buffetrille, Mirjam Ruschka), starren innerhalb kürzester Zeit vor Dreck, da schwarze Erde den gesamten Bühnenboden bedeckt (Bühne: Robert Schweer). Die Botschaft ist eindeutig: Nur Luft überdauert den Tod.

Verena Rumpf
Termin: 6. Oktober 19 Uhr
www.staatstheater-wiesbaden.de

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