Das Staatstheater Mainz zeigt »Kleiner Mann – was nun?« nach dem Roman von Hans Fallada

Fast schon kitschig, wie die zwei miteinander turteln und herumalbern – der Angestellte Johannes Pinneberg und seine Freundin Emma Mörschel, genannt Lämmchen. Aber auch auf erfrischend naive Weise zelebrieren sie zu Beginn ihr Glück. Das junge Paar weiß nicht viel vom Leben, nur, dass es zueinander gehört und sich nicht durch eine ungeplante Schwangerschaft aus der Bahn werfen lässt. Der strahlenden und in der Blüte ihres Lebens stehenden Emma, hervorragend verkörpert von Kruna Savić, nimmt man das zweifelsohne ab. Johannes‘ Lächeln hingegen wirkt etwas sorgenvoller. Mark Ortel mimt phantastisch den unsicheren, ängstlichen Pinneberg, der unter der Last der Verantwortung als angehender Familienvater zu zerbrechen droht.
Hans Falladas berühmter Roman, den Alexander Nerlich am Mainzer Staatstheater auf die Bühne bringt, spielt 1930 zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Vom vermeintlichen Glanz der »Goldenen Zwanziger« ist nichts mehr zu spüren, die Bevölkerung leidet unter Armut und Arbeitslosigkeit. Doch während Emma, die eher den Spitznamen Löwin denn Lämmchen verdient hätte, unermüdlich um ihre gesellschaftliche Stellung kämpft, Wohnungen sucht, die Haushaltskasse führt und trotz Kind noch etwas Geld hinzuverdient, kann sich ihr »Jungchen«, wie sie ihn liebevoll nennt, in einer immer brutaler werdenden Welt nicht behaupten. Zunächst verliert er seine Stelle als Buchhalter, dann scheitert er als Verkäufer für Herrenkleidung. Pinneberg ist nur ein Spielball der anonymen Mächte des freien Marktes, wie die Choreografie von Jasmin Hauck und Cecilia Wretemark eindrucksvoll unterstreicht: Immer wieder trägt er stumme Kämpfe mit sich selbst aus, verrenkt und verbiegt sich wie ein Fähnchen im Wind. Die tänzerischen Elemente abstrahieren das Geschehen genauso wie die verschiedenen Projektionen, die die Bühnenwände schmücken: mal einfache schwarz-weiß Musterungen, die das trostlose Schicksal der kleinen Leute widerspiegeln, mal symbolisch aufgeladene Bilder. So zeigt die Fotomontage »Krieg und Leichen – die letzte Hoffnung der Reichen« von John Heartfield eine Hyäne mit Zylinder, die über ein Feld lebloser Körper läuft.
Im Mittelpunkt der Inszenierung stehen jedoch nicht etwa der Aufstieg der NSDAP oder das Ende der Weimarer Republik, sondern vielmehr ausdrucksstarke, atmosphärische Bilder, die den Zuschauer in die Zeit der 30er Jahre versetzen. Ein Waschbecken, ein Grammophon, Tische, Kleiderstangen und Anzüge genügen, um Wohnraum, Büro und Verkaufsraum zu bilden (Ausstattung: Žana Bošnjak). Bühne und Schauspieler sind extrem wandlungsfähig (Vincent Doddema, Henner Momann, Hannah von Peinen, Paulina Alpen und Daniel Friedl spielen jeweils in mehr als drei verschiedenen Rollen), so dass die über dreistündige Aufführung wie im Flug vergeht. Am Ende sind Pinneberg und sein Lämmchen endgültig die gesellschaftliche Leiter hinabgestiegen. Wohnungs- und arbeitslos leben sie am Rande der Stadt in einer Laubensiedlung, doch halten sie weiterhin an ihrer Liebe fest. Hoffnungslos romantisch oder hilflos alternativlos? Als Zuschauer glaubt man natürlich lieber an die sentimentale Variante.

Verena Rumpf (Foto: © Andreas Etter)
Termine: 10. März, 14 Uhr; 19., 23., 25. März, jeweils 19.30 Uhr
www.staatstheater-mainz.de

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