Das Staatstheater Mainz zeigt Bertolt Brechts »Mutter Courage ihre Kinder«

Eine moderne Geschäftsfrau in einer rauen Männerwelt, Händlerin und Muttertier zugleich, raffgierig und um ihre Kinder kämpfend wie eine Löwin – das ist Brechts ambivalente Figur der Anna Fierling, besser bekannt als »Mutter Courage«, die mit ihrem Planwagen durch die Wirren des 30-jährigen Krieges zieht. In K.D. Schmidts Neuinszenierung am Mainzer Staatstheater beeindruckt die Hauptfigur die Männerwelt nicht nur durch ihr loses Mundwerk, sondern auch durch ihren langen blonden Zopf, der im Kontrast zu ihrem türkisfarbenen Hosenanzug steht. Anna Steffens verkörpert großartig die Titelheldin, die bis zuletzt am Krieg, ihrem »Brotgeber«, festhält und weder aus der Katastrophe noch aus ihren Fehlern lernt. So verliert sie ihren zweiten Sohn, den Schweizerkas (Julian von Hansemann), weil sie zu lange um sein Leben feilscht. Und auch ihre zwei anderen Kinder fallen dem Krieg zum Opfer: Eilif (David T. Meyer) wird hingerichtet und die stumme Kattrin (Maike Elena Schmidt) opfert sich, um Dorfbewohner vor einem Angriff zu warnen.
Gegen die Gesetze des Marktes und der Gewalt kommt Courage nicht an. Das Bühnenbild (Maren Greinke) steht sinnbildlich für die sisyphosartigen Versuche, vom Krieg verschont zu bleiben: Die bogenförmige bis in den Bühnenhimmel ragende Rampe wird von den Figuren immer wieder erklommen – und immer wieder rutschen oder rollen sie früher oder später doch hinab. So getreu sich Schmidt an die Textvorlage hält, so neu interpretiert er Bühne, Kostüme und Ausstattung. Kein Planwagen ist jeder Szene vorherrschend, sondern ein Haufen weißer Pakete, die ständig umsortiert, gestapelt oder umgeworfen werden. Sie erinnern an die unzähligen Waren, die DHL & Co. tagtäglich ausliefern – und an die Macht der dahinterstehenden Großkonzerne wie Amazon, die in Krisenzeiten noch einmal mehr Profit machen. Ohnehin sieht das durchweg pittoreske Outfit des Bühnenpersonals ganz danach aus, als ginge es nach der Vorstellung wieder zurück an Zalando
Auch die vorherrschenden Gefühle des Stücks – Hilflosigkeit, Zukunftsangst, Ungewissheit – lassen sich ohne weiteres auf die heutige (Pandemie-)Situation übertragen, wenn auch die Aktualisierung nicht im Vordergrund der Aufführung steht. Schmidt lässt die Figuren für sich sprechen – und singen. Die Songs, in der Vertonung Paul Dessaus, werden inbrünstig vorgetragen und kommentieren, bewerten und kritisieren das Geschehen. Sie sind beispielhaft für Brechts Konzept des epischen Theaters und werden mit Videoprojektionen und teilweise grellen Sirenen aufgepeppt (Video, Musik: Sebastian M. Purfürst). Poppig-modern sind auch die Kostüme (Maren Geers) des toll aufspielenden Daniel Mutlu als Koch oder der herrlich launenhaften Lagerhure Yvette (Kristina Gorjanowa).
Ein Zweidreiviertelstunden dauernder Theaterabend, der zwar keine neuen Erkenntnisse oder Lesarten Brechts offenbart, aber durchaus einen Ausflug ins Mainzer Staatstheater lohnt.

Verena Rutkowski (Foto: © Andreas Etter)
Weitere Termine: 7. und 14. Juli um 19:30 Uhr
www.staatstheater-mainz.de

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