Das japanische Kino fasziniert auch online: Nippon Connection 2020

Das Gedränge im Mousonturm war groß, als in den letzten Jahren Nippon Connection zu Gast war. Das Zentrum des japanischen Filmfestes war dem Besucheransturm kaum gewachsen, doch Festivalleiterin Marion Klomfaß wollte nicht in ein Multiplex umziehen. Sie und das Organisationsteam schätzen eben die Atmosphäre des Hauses. Und da derartige Veranstaltungen in jedem Jahr neue Besucherrekorde verzeichnen, wäre es diesmal vermutlich noch enger geworden.
Dabei kommt es nicht von ungefähr, dass dieses Filmfestival das besucherstärkste in Hessen geworden ist. Und auch ganz ohne Gedränge konnte man gerade die Bestätigung für seine Qualität am häuslichen Bildschirm finden. Denn Nippon Connection gab es wie viele andere »Events« in diesem Jahr nur online. Der Corona-Krise war schuld.
Zwei Filme sollen die These von der Besonderheit des japanischen Kinos belegen. Zwei Filme, die mit keiner europäischen oder amerikanischen Produktion vergleichbar sind, Filme mit einem besonderen kinematografischen Blick. Beide changieren auf faszinierende Weise zwischen Drama und Komödie, zwischen Kritik und Bestätigung, als handele es sich nur um die beiden Seiten derselben Medaille.
DANCING MARY (Foto) ist ein sogenannter Genremix aus Komödie, Horror- und Yakuza-Story, und insofern typisch für Regisseur SABU. Es geht um Stadtentwicklung und um das, was dem Fortschritt im Wege steht. In diesem Fall eine düster wirkende Ruine, die inmitten eines geplanten Neubaugebietes steht. Ein ehemaliges Revuetheater, von dem nur noch der Kern übriggeblieben ist. Die Bewohner des Viertels am Stadtrand fürchten sich vor dem Ort. Es soll in der Ruine spuken, eine Tänzerin aus vergangenen Tagen, die tanzende Mary des Titels, scheint dort ihr Unwesen zu treiben. Es geht also auch um Übernatürliches, das die Stadtverwaltung verärgert, die mit dem Abriss nicht so recht vorankommt.
Und außerdem erzählt der Film eine zarte Liebesgeschichte. Ein junger Beamter bekommt den Auftrag, die Angelegenheit zu klären. Kenji wirkt ein wenig hilflos, bekommt dann jedoch die Unterstützung einer jungen Frau mit medialer Begabung. Sie verschafft ihm den Zutritt zur Welt der Geister.
Damit wir Zuschauer nicht die Übersicht verlieren, schildert der Film die Story in kalten, hellen Farben, die Vergangenheit ist in warmes, gedecktes Licht getaucht und die Geisterwelt in ein graues Schwarzweiß.
Um Mary zu erlösen, werden die beiden ihren einstigen Liebhaber, auf den sie Jahrzehnte lang gewartet hat, aus Korea zurückbringen. Dabei hilft ihnen ein mit Messern gespickter Yazuka-Geist, der zu Kenjis Verwunderung von Flugangst geplagt wird. Der Geliebte muss Mary erreichen, bevor die mittlerweile von den Stadtoberen engagierte Yakuza das Haus in die Luft sprengt. Dass die japanische Mafia auch am Aufbau des neuen Stadtviertels beteiligt sein wird, gehört zu ihren Bedingungen und dürfte in Japan ziemlich realistisch sein.
Regisseur SABU ist bekannt für seinen ironischen Realismus, der sich mit einfachem Abbilden nicht zufrieden gibt. Seine leicht überdrehten, aber nie klamaukigen Darstellungen genießen deshalb bei den Japanexperten Geheimtippstatus.
Zu LABYRINTH OF CINEMA, dem zweiten Film dieses Artikels, muss man wissen, dass die Japaner ihre höchst unrühmliche Rolle im Zweiten Weltkrieg gerne verdrängen, das Gedenken an die beiden Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki dagegen mit Hingabe pflegen. In diese Stimmungslage hat nun der im April verstorbene Altmeister Nobuhiko Obayashi mit seinem letzten Werk hineingegrätscht.
Seine LAST PICTURE SHOW ist kein gefühlvolles Kleinstadtporträt, sondern ein Parforceritt durch die japanische Geschichte, insbesondere die des Zweiten Weltkrieges, und wie sie in japanischen Filmen dargestellt wird. Das letzte Kino in der großen Küstenstadt Onomichi zeigt nämlich vor seiner endgültigen Schließung keinen Hawks-Western, sondern ein lange Nacht mit Kriegsfilmen in der fälligen Abschiedsvorstellung.
Aus der Veranstaltung wird allerdings keine Heldenfeier, sondern ein zunächst pop-bunte, respektlose Kollage und am Ende eine schonungslose Kritik am japanischen Kadavergehorsam und seine traumatischen Folgen im nahen Hiroshima. Mit etwas Geduld, die der dreistündige Film erfordert, erfährt man eine Menge über die Historie Nippons, beispielsweise über den Bürgerkrieg 1868, in dem es eine Frauen- und Kinderbrigabe gab. Oder dass Yasujiro Ozu im letzten Krieg zu einen Propagandafilm abkommandiert war. Und man bekommt den Verdacht, dass das beeindruckend humane japanische Kino der fünfziger Jahre, für das nicht nur Ozu steht, wohl eine Reaktion auf die grausame Geschichte des Landes war.
LABYRINTH OF CINEMA feiert aber auch die Faszination, die das Kino vor allem auf junge Menschen ausübt, oder muss man schon sagen: ausgeübt hat (und gleicht somit dann doch dem Meisterwerk von Bogdanovich). »I’ll go in the movies to know who I am«, heißt es in einem Untertitel. Obayashi nimmt das wörtlich und lässt seine Figuren ins Leinwandgeschehen eintauchen. Auch das ist eine Referenz an filmhistorische Vorbilder.
Selbst wenn es nicht mehr die meisterhaften Klassiker jener fünfziger Jahre hervorbringt, ist das aktuelle japanische Kino quicklebendig und eine einzigartige Stimme, die man nicht missen möchte. Nippon Connection meldet jedenfalls auch für seine diesjährige Online-Ausgabe einen neuen Zuschauerrekord.

Claus Wecker

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