Burgfestspiele Bad Vilbel zeigen Friedrich Hebbels »Die Nibelungen«

Zornig himmelwärts weist die Sturmfrisur von Hagen Tronje auf seine böse-wichtige Rolle. Kein Hüne, eher der windige Typ, und bestechend gespielt von Thorsten Danner, der so kratzbürstig, wie er aussieht, auch sprechen kann. Gleich zu Beginn von Friedrich Hebbels teutschen Klassiker sehen wir, wie er beim Männerplausch (über Frauen, Waffen, Kämpfe) schon mal die Klinge wetzt für spätere Meucheltaten – wiewohl er den Mord an Siegfried mit dessen Schwert vollführen wird.
Zunächst aber stellt der Burgunderkönig Gunther (John Wesley Zielmann) die Weichen für »Die Nibelungen« auf der Vilbeler Wasserburg. Es löckt ihn den Stachel, als er von Brunhild, der bärenstarken Königin Islands, erfährt, die bezwungen sein will, bevor sie sich hingibt, und jeden tötet, der ihr unterliegt. »Dieses Weib ist auf der Welt, und das hör ich erst jetzt?«, protzt er. Optisch hat Zielmanns bärtiger König das Zeug dazu, erweist sich bretter-real aber als lendenschwache Nulpe.
Dass er Brunhild trotzdem kriegt, hat er dem jungenhaft aufkreuzenden Siegfried (Felix Lampert) zu verdanken, der sich derart brüstet, dass man »Siggi, du lügst!« rufen möchte, wie die Mama zu Peer Gynt. Einzig Laura Bleimunds Kriemhild im weißen Hemdchen lässt ihn schwächeln – und stottern. Um sie, die Schwester Gunthers, zur Frau nehmen zu dürfen, besteigt Siegfried die nordische Mannsjungfrau an dessen statt mit Tarnkappe – und Gott-sei-dank nur im Off. Dumm nur, dass die heimgeführte Brunhild, die Britta Hübner als unkultivierte rohe Operndiva gibt, vom zukünftigen Gatten eine Beischlafprobe aufs Exempel verlangt und Siegfried noch mal incognito ran muss. Dass es dieses Mal herauskommt, kostet ihn, wie wir wissen, das junge Leben, und alle anderen fürderhin auch.
Es geht sehr schlüssig und süffig voran in der gut zweistündigen Inszenierung von Milena Paulovics, die uns einen unterhaltsamen Extrakt aus einem Versepos serviert, das sich in Gänze gespielt über zwei Abende erstrecken würde. Ins Zentrum der mit einer Art Filmsound unterlegten Handlung (Musik: Michael Rodach) rückt die Regisseurin Kriemhilds Konflikte mit Brunhild und mit dem Ränkeschmied Hagen. Dazu wird das Gemäuer der Wasserburg effektiv genutzt, während Pascal Arndtz von metallischen Wänden begrenzte abfallende leere Bühne nur mit lösbaren Parkettplatten überrascht, die auf die Abgründe des Sujets verweisen.
Ins Bodenlose wächst auch Kriemhilds ungestillte Wut über Siegfrieds Tod. Wie verwandelt und nun ganz in Schwarz lässt sie Jahre später wiederverheiratet als Hunnen-Königin ihre Sippe kommen, um ihren blutigen Vergeltungsschlag zu führen. Doch ist der Showdown mit Schwertkämpfen und eimerweise Kunstblut so pittoresk inszeniert, dass er im Publikum trotz Kinderkehlschnitt als Einladung zum (Weg-)Lachen wahrgenommen wird. Das Angebot, über Ängste und Vorurteile im Umgang mit Fremden, kommt dagegen nicht wirklich an. Aber es geht auch nicht unter.

Winnie Geipert (Foto: © Eugen Sommer)
Termine: 7., 8., 13., 14., 28., 29. August, 20.15 Uhr (Einführung 19.30 Uhr)
www.kultur-bad-vilbel.derden Mauern und Treppen der Naturbühne

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