»Pferde stehlen« von Hans Petter Moland

Es gibt ja Filme, die liebt man allein wegen der Landschaften, der dazu passenden Gesichter und Bewegungen, des Rhythmus, in dem erzählt wird, des Lichts und der Schatten wegen, die eine besondere Stimmung erzeugen.
Die Musik dazu spielt eine nicht unwichtige Rolle, auch Geräusche wie das Gehen auf Schnee und das Fallen eines Baumes. Und wenn es dann noch eine gute Geschichte dazu gibt, umso besser.

Zu solchen Filmen gehört »Pferde stehlen«, in dem man sich eine kleine Kino-Ewigkeit lang schwermütig-zart zu Hause in einem Anderswo fühlt. Genau gesagt, in der Einsamkeit nordischer Wälder, im Grenzgebiet von Norwegen und Schweden. Es ist der November 1999. Kurz vor einem Zeitenwechsel, wie man so sagt. Dorthin hat sich der 67-jährige Trond zurückgezogen. Stellan Skarsgård spielt ihn, damit ist schon viel gesagt. Wie der aus einer Tür treten und müde, skeptisch und zögernd in den Himmel schauen kann, einer, der genau an dem Ort angelangt ist, an dem zu leben er sich immer gesehnt hat, und es erst kann, als er den größten Verlust verarbeiten muss, den Tod seiner Frau. Stellan Skarsgård ist in seiner schauspielerischen Detailarbeit so genau, dass man sagen kann, er zeichnet eine Figur, nicht wie ein Rollenspiel vor der Kamera, sondern als ein Porträt, mit der dafür notwendigen Mischung aus Zärtlichkeit und Unnachsichtigkeit.
Gestört wird Trond des Nachts von einem Nachbarn, der seinen Hund sucht. Es sollen sich Wölfe im Wald herumtreiben. Dieser Nachbar hat ihn nicht erkannt, denkt Trond. Es ist eine Figur aus der Vergangenheit, eine erste Fährte in die magische Biographie. Einen Beinahe-Unfall später kommen die Erinnerungen mit wechselnder Schärfe. An die Sommer, die er mit seinem Vater in der einsamen Hütte verbrachte. An Bäume fällen, Jagen und nackte Duschen im Regen. Und an einen Freund, mit dem er buchstäblich Pferde stehlen ging. An den Wald und seine Geheimnisse. An die erste Liebe. Eben all das, was man als Teenager erlebt. Aber von Anfang an mischen sich auch die seltsamen und unglücklichen Dinge in diese Episoden. Der Freund ist nicht der übliche Buddie, der Vater nicht bloß männliches Vorbild, die Idylle verdammt trügerisch. Der Horror von Tod und Schuld mischt sich in Alltag und Natur. Stürme ziehen auf, und die Verwirrung ist groß. Die Verwirrung des Jungen, die sich immer noch im Gesicht des alten Trond spiegelt.
Es ist eine sehr eigene Mischung aus Heimatfilm, Coming of Age, Mystery und dunklem Familienroman, die Regisseur Hans Petter Moland in durchweg atemberaubenden Bildern (Kamera: Rasmus Videbæk ) anbietet, nicht als Genre-Stück, sondern als Dokument einer Selbsterforschung. Dass man selber über die Flut seiner Erinnerungen gebieten kann, heißt es sinngemäß einmal in dem Roman »Ut og stjæle hester« von Per Petterson, der dem Film als Vorlage diente, und der Film zeigt, wie schwer diese Arbeit ist. Manchmal erscheinen die Off-Kommentare des alten Trond zu den Erinnerungsbildern widersinnig oder redundant, zu »literarisch« im Verhältnis zu den wortkargen Szenen der Vergangenheit. Aber es ist eben diese Spannung, aus der die Fragen von »Pferde stehlen« entstehen, etwa die, ob es wirklich möglich ist, die Kontrolle über die eigenen Erinnerungen, und damit über das eigene Leben zu behalten. Oder zu erringen.
Es geht schließlich nicht allein um die Brüche im Leben von Trond Sander, sondern auch um die in der Geschichte des Landes. Um die Erinnerung an den Widerstand der Partisanen gegen die deutsche Besetzung, und darum, was die Gefahr mit jenen machte, die sich ihr stellten, und den anderen, die ihr aus dem Weg gingen und andere, die aus sehr privaten Gründen zu Verrätern wurden. Es geht um Menschen, die aus einem Leben verschwinden, und solche, die es nicht tun, weil sie Schuld und Mitschuld weiter tragen müssen.
Der Film ist keine Illustration des Romans, nicht einmal eine »Übertragung«, vielmehr handelt es sich um eine fruchtbare Konfrontation: Stellan Skarsgårds Worte aus dem Off sind reine Literatur, nichts, was man im Alltag spricht, nichts was in den Kanon des psychologischen Realismus passt. Und die Bilder, die Moland und Videbæk dazu liefern, sind reines Kino, viel mehr als Handlung und Bewegung. Man kann mehr sehen, als die Sprache zu vermitteln vermag, und man kann mehr sagen, als aus der Bild-Wahrnehmung zu entnehmen ist.
Die schöne Frage nämlich, die Charles Dickens an den Beginn von »David Copperfield« stellte, und die Per Petterson als Leitmotiv verwendete, bleibt am Ende offen: »Ob ich mich in diesem Buche zum Helden meiner eigenen Leidensgeschichte entwickeln werde oder ob jemand anders diese Stelle ausfüllen soll, wird sich zeigen.« Während er sich erinnert, verändert sich Trond auch, so viel ist sicher. Man kann diesen Film als Essay über Erinnerung und Rekonstruktion ansehen, als Versuch über den Umgang mit den Schatten der Vergangenheit. Man kann sich aber auch einfach der Magie von Landschaften, Gesichtern, Licht und Schatten und poetischer Trauerarbeit überlassen.

Georg Seeßlen
PFERDE STEHLEN (Ut og stjæle hester)
von Hans Petter Moland, N 2019, 123 Min.
mit Stellan Skarsgård, Bjørn Floberg, Tobias Santelmann, Jon Ranes, Danica Curcic, Pål Sverre Hagen
nach dem Roman von Per Petterson
Drama
Start: 21.11.2019

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