Uwe Timms Roman »Vogelweide«

Uwe Timm: VogelweideDie alte Beziehungskiste, neu vermessen

Seit dem »Heißen Sommer« (1974) kennt man Uwe Timm. Spätestens mit dem ›opus magnum‹ »Rot« (2001), einer episch breit entwickelten Mentalitätsgeschichte der ausgehenden Bundesrepublik, hatte sich Timm in die allererste Reihe der deutschen Gegenwartsliteratur hinein geschrieben. In den folgenden Jahren befestigte der in München lebende Hamburger mit seinen kleinen, ebenso kondensierten wie konzentrierten Erzählungen diese Stellung. »Am Beispiel meines Bruders« (2003), »Der Freund und der Fremde« (2005), »Halbschatten«, (2008), »Freitisch« (2011). Bravourstücke in der Art des späten Saul Bellow. Jetzt lässt Timm wieder einen richtigen Roman folgen. Das Buch ist auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2013 nominiert.

Eschenbach, Mitte fünfzig, wurde, allerdings unfreiwillig, zum Aussteiger. Er lebt seit ein paar Monaten, völlig allein, auf einer Insel in der Elbmündung, zählt, als Vogelwart, den Bestand der Vögel und sammelt gestrandetes Holz. Jahrelang verdiente er viel Geld mit seiner Softwarefirma, hatte er eine Freundin und eine Geliebte. Jetzt hat er nichts mehr. Das Einzige, was ihm geblieben ist, sind hohe Schulden und, natürlich, viel Zeit, über die vergangenen Jahre nachzudenken. Jetzt, in seiner Einöde erhält er plötzlich einen Anruf von Anna, der Frau, die seinerzeit sein Leben aus den Angeln hob. »Vor sechs Jahren hatte er ihre Stimme zuletzt gehört: Bitte. Ruf mich nicht mehr an. Ich will und kann nicht mehr. Endgültig. Das war ihre Botschaft auf seinem Anrufbeantworter gewesen.«

Eschenbach sieht dem Treffen mit gemischten Gefühlen entgegen. Bilder der Vergangenheit bedrängen ihn. In Berlin, wo er damals lebte und erfolgreich arbeitete, lernten er und Selma, seine Freundin, ein anderes Paar kennen, Anna und Ewald. Anna und Eschenbach verlieben sich so heftig ineinander, dass er sich selbst fragt: »Wie kann man nur derart und auf eine so schlichte Weise fixiert sein«. Anna allerdings erträgt es auf Dauer nicht, ihren Mann und ihre Kinder zu belügen, zu betrügen. Für sie war die Ehe »etwas Einmaliges, Verbindliches«. Sie verlässt ihren Mann und ihren Geliebten und flieht mit den Kindern zu ihrem Bruder nach New York. Eschenbach steht vor den Trümmern seiner Existenz, beruflich und privat bricht alles zusammen. Auch Elma, seine Freundin, verlässt ihn und lebt nun mit Ewald zusammen. Wahlverwandtschaften, auf den Stand der Zeit gebracht. Der große Verlierer ist Eschenbach.

In seiner Verzweiflung taucht er drei Tage ab. »Am vierten Tag stand er auf, rasierte sich, duschte, stellte sich auf die Waage, er hatte zwei Kilo verloren. Er zog sich an und ging hinaus.« Und beginnt ein neues Leben. Bald gerät er an eine bekannte Meinungsforscherin, die Interviewer braucht für das Projekt »Begehren und Begierde«. Er erhofft sich von diesem Job nicht nur etwas Geld, sondern, Ablenkung »von dem Schmerz der Trennung« und Klarheit. Er sieht auf diese Weise notgedrungen die Realität, Partnerbörsen, Internet, und bringt sie nicht zusammen mit seinen Vorstellungen von Liebe, Begehren und Begierde. Kulturkritisch beklagt Timm die neuen Techniken der Annäherung. Fürchtet, dass der Körper durch den Computer ersetzt wird. Als sich Anna und Eschenbach auf der Insel noch einmal für ein paar Stunden sehen, gibt es zwar kein Happy End, aber immerhin ein versöhnliches Ende.

Sigrid Lüdke-Haertel
Uwe Timm: »Vogelweide«. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, 335 S., 19,99 €

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