Und wenn wir alle Zusammenziehen (Start: 5.4.2012)

»Und wenn wir alle zusammenziehen« - Start: 5.4.2012Zwischen Sensenmann und Viagra

»Und wenn wir alle zusammenziehen?« von Stéphane Robelin

Da geht noch was: in dieser bittersüßen Komödie für die Zielgruppe 50+ gründen Altstars wie Jane Fonda und Pierre Richard eine Senioren-WG.

Stell dir vor, du wirfst Steine auf der Demo, und die Polizei schaut mitleidig weg. Für den Wutbürger Jean bedeutet das Fremdschämen der Flics die ultimative Demütigung. Schlimmer ergeht es Silberrücken Claude, der auf der Treppe zu seiner Lieblingshure eine Herzattacke hat. Albert dagegen ist zu tattrig, um seinen Hund auszuführen. Die Frauen wirken vitaler: Jeans Angetraute Annie läßt in ihrem Gemüsegarten ein Loch für einen Swimmingpool graben, damit die Enkelkinder öfter zu Besuch kommen. Und Alberts Gattin Jeanne ist so drahtig, als hätte sie einen Gutteil ihrer Lebenszeit dem Aerobic gewidmet. Als Claude in einem Pflegeheim geparkt werden soll, gründen die fünf Freunde in Annies Vorortvilla eine Alters-WG. Alberts Hundesitter, der deutsche Student Dirk, dient als Hausfaktotum. Im Gegenzug darf er, am lebenden Objekt, Feldstudien für seine Doktorarbeit über »die Situation der Alten in Europa« betreiben. Ein wenig wirkt auch diese bittersüße Komödie wie ein Lehrfilm über ein gesellschaftliches Phänomen: was tun mit den fitten Alten, die dank steigender Lebenserwartung so zahlreich wie nie zuvor in der Geschichte sein werden? Allerdings handelt es sich hier um die Greisen-Avantgarde, um Geistes- und Kulturarbeiter aus dem 68iger-Milieu in sorglosen finanziellen Verhältnissen, die mit ihrer Kommune auch an die Utopien ihrer Jugend anknüpfen wollen. Bei diesen Edel-Senioren geht es weniger um den praktischen WG-Alltag mit Putzplan und Einkauf, sondern um Erinnerungen, Liebe und Sexualität. Und natürlich um den Tod. Die Libido allerdings führt zu eher plumpen Gags rund um Fotograf Claude, der stets zwischen Viagra und Sensenmann schwebt. Auch nimmt man dem sabbernden Lustgreis nie recht ab, daß er in seiner Blütezeit einen Schlag bei Frauen hatte. Überhaupt sind die alten Säckel manchmal eine rechte Zumutung für ihre geduldigen Partnerinnen. Ganz so modern ist der Film dann doch nicht, denn im wahren Leben würde zumindest Annie ihrem cholerischen Kindmann wohl den Stuhl vor die Tür setzen. So ist auch das Drehbuch recht arthritisch und an den falschen Stellen bieder. Die Krankheit der todgeweihten Jeanne bleibt unsichtbar, und auch bei den anderen werden die Folgen geistigen und körperlichen Verfalls nur angedeutet. Der eigentliche Grund für einen Filmbesuch sind seine gut abgehangenen Darsteller. Neben den Veteranen Geraldine Chaplin, Claude Rich (einem Lieblingsdarsteller von Alain Resnais) und Guy Bedos (der sich im realen Leben für das Recht auf Sterbehilfe engagiert) geben sich Pierre Richard und die 75jährige Jane Fonda die Ehre. Die alterlos schöne, einstige Barbarella und Aerobic-Vorturnerin harmoniert erstaunlich gut mit den knubbeligen Galliern; um so bedrückender ist der filmische Abgang des einstigen Sexsymbols. Und wenn Pierre Richard, der in den Siebzigern als »großer Blonder mit dem schwarzen Schuh« Millionen zum Lachen brachte, als dementer Oldie herumirrt, macht auch das Herz des verhärtesten Zuschauers einen kleinen Sprung.

Birgit Roschy

 

UND WENN WIR ALLE ZUSAMMENZIEHEN? (Et si on vivait tous ensemble?)
von Stéphane Robelin, F/D 2011, 96 Min.
mit Jane Fonda, Geraldine Chaplin, Pierre Richard, Claude Rich, Guy Bedos, Daniel Brühl
Tragikomödie
Start: 05.04.2012

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