Thriller als große Literatur: Wie Andreas Pflüger das mit »Niemals« und »Endgültig« gelingt

Beklemmend real

Nach dem fulminanten Thriller »Endgültig« (2016) legt Andreas Pflüger nun »Niemals« vor, die Fortsetzung, die aber auch eigenständig funktioniert. Beide Romane sind Actionliteratur auf auch international höchstem Niveau, begeisternd literarisch. Das »Niemals« des Titels ist das Damoklesschwert der dauerhaften Erblindung, das über der Ausnahmepolizistin Jenny Aaron hängt, seit sie in Barcelona bei einer Verfolgungsjagd eine Kugel in den Kopf bekam. Aaron, »gefährlich wie ein Raubtier in freier Wildbahn« und eine überaus interessante Frauenfigur, gehört zu einer international operierenden Sondereinheit, der »Bad Bank der deutschen Polizei«, nur »Die Abteilung« genannt. 40 Männer und eine Frau, die »dorthin gehen, wo der Einsatz anderer Kräfte nicht zielführend wäre« und die in Berlin Mitte als »Institut für Gesellschaftsanalyse« vier Stockwerke belegen. (Ja, Humor hat Pflüger auch. Saukomisch verneigt er sich einmal vor Robert Gernhardt.)
Es klingt ein wenig irrsinnig, dass der Verlag den Plot schon auf der Umschlagseite verrät: »Stell dir vor, du erbst zwei Milliarden Dollar – von Deinem Todfeind.« Aber das ist nur der Dosenöffner für eine noch heftigere Geschichte, an deren Adrenalingehalt vermutlich nur Stuntmen-, Rennfahrer- und Bergsteiger-Biographien heranreichen. Jedoch auch das intellektuelle und das literarische Vergnügen sind beträchtlich. Plot und Dialoge funkeln, die Sprache ist straff wie Klavierdraht. Ganz im Sinne Elmore Leonards sind alle überflüssigen Worte gestrichen. Pflügers Spannungsromane (wie man früher gesagt hätte) sind geschliffen wie Diamanten, und zwar Kronjuwelen-Klasse: Koh-i-Noor, 108,93 Karat.
Dazu haben sie noch eine Besonderheit: Sie sind die ersten beiden Titel je im Suhrkamp-Hauptprogramm, auf deren Cover »Thriller« steht. Innen dann erst »Roman«, eine vormals undenkbare Konnotation. Ein Ritterschlag für das Genre, zweifellos. 2009 hatte die Literaturkritik noch geschäumt, als Suhrkamp den Beginn einer Kriminalromanreihe ankündigte. Den Untergang des Abendlandes sahen manche Kritiker heraufziehen, im Unmut über den Verlagsumzug nach Berlin war ihnen das ein weiterer Beleg für den bevorstehenden Niedergang. Die aufgeschäumten Reaktionen von damals haben sich beruhigt, die Qualität der inzwischen von Thomas Wörtche betreuten Reihe überzeugt. Jetzt im Oktober 2017 belegten Suhrkamp-Bücher gleich fünf der zehn Positionen der KrimiBestenliste. Und nun ein »Thriller« auf einem der Spitzentitel des Hauptprogramms, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Robert Menasses »Die Hauptstadt«.
Das trägt hoffentlich dazu bei, die Mauern zwischen U und E weiter einzuebnen. Spannungsliteratur völlig gleichberechtig neben der »hohen« in einem Renommier-Verlag, das ist bei uns immer noch Ausnahme. Übrigens gab es bei Suhrkamp schon einmal »Genre«, und das satt, dem Verlagsimage schadete es nicht: In der von Franz Rottensteiner betreuten »Phantatstischen Bibliothek« erschienen  zwischen 1980 und 1998 über 360 Titel. Aber Kriminalromane, da wird die Literaturkritik empfindlich. Kann ja nur minderwertig sein. Typisch deutsch ist das, anderswo ist man längst viel weiter. Der erste Roman von Dashiell Hammett erschien bei Alfred A. Knopf im Jahre 1929, der erste Chandler 1939. Den hiesigen Literaturkanon – siehe die Debatte von 2009 – überschattet anhaltend jene Grenzziehung, die 1951 von Wilhelm Müller in der Bibliothekars-Zeitschrift »Bücherei und Bildung« so beschrieben worden ist: »Wir stehen einem bis an die Zähne bewaffneten Gegner gegenüber. Wir sind von einem tiefen Misstrauen erfüllt gegen alles ›Literarische‹, das sich in der Massengesellschaft großer Beliebtheit erfreut, und wir dürfen zu keinen Konzessionen bereit sein, wenn es gilt, unsere untere Grenze diesseits der Dschungellandschaft des Thrillers zu legen.«
Dschungel und Thriller, Adrenalin und Puzzle, vor allem aber Action, Uhrwerk und Feinmechanik pur, als könne man einer exquisiten Uhr ins tickende Innenleben schauen, das sind die Romane von Andreas Pflüger in der Tat. Beträchtlicher literarischer Mehrwert kommt hinzu. Pflüger liebt expressionistische Lyriker wie August Stramm oder Jakob van Hoddis ebenso wie Mangas und Actionfilme, obskure indonesische inklusive. Zu seinen kulturellen Ikonen zählen Primo Levi, Flann O’Brien, Ben Hecht, Alfred Hitchcock, Jacques Prevert und Max Frisch. »Mein Name sei Gantenbein« ist das Lieblingsbuch seiner Heldin Jenny Aaron, eine wunderbare Rilke-Stelle sitzt in »Niemals« zentral, immer wieder gibt es, fein dosiert, expressionistische Bilder. In einer Rom-Sequenz purzeln ockerfarbene Häuser zum Tiber hinab, da ist eine Erinnerung wie ein Muttermal oder es wird vom »Masse-Mensch-Kraftwerk« gesprochen. Der Dichter Browing, »der so heißt wie Aarons Lieblingspistole«, wird zitiert mit »Klammerst du die Liebe aus, ist die Erde ein Grab«. Es finden sich, mitten in einer Actionsequenz, Sätze wie: »Ihr Herz steht still, und die Welt schlägt gegen ihre Brust.«
Pflügers Ikonografie ist bemerkenswert, zum einen urdeutsch und blaublumig romantisch, zum anderen vom Actionkino geprägt. Und als wäre das nicht genug, gibt es als durchgängigen Faden das Bushido, dem seine Hauptfigur folgt – den Ehrenkodex und das Ethos der Samurai. Weil die Quellenlage für heutige Bedürfnisse zu mager ist, erfindet Pflüger gar Weisheiten, die dem Geist des Bushido entsprechen. Dazu noch Gemälde: Chagalls »Traumtänzer«, Lucas Cranachs »Versuchung des heiligen Antonius« oder »Der heilige Zorn« von Hieronymus Bosch.
Werner Fuld, ehemals Literaturkritiker bei »FAZ« und »Die Zeit«, meinte dazu auf »CrimeMag«: »Im Lauf eines Lebens finden sich drei oder vier Bücher, um die man die Autoren beneidet, weil man sie gerne selbst geschrieben hätte.« Er zählt Max Frischs »Stiller« auf, Jean Pauls »Titan«, Raabes »Die Akten des Vogelsangs« und »neuerdings Jenny Aarons Geschichte wegen der Makellosigkeit des Scheiterns, die sie mit den Anderen teilt«. Er schreibt weiter: »Es gibt einen höchsten Grad der Materialbeherrschung, an dem der Inhalt nebensächlich wird, weil es nur noch auf den Stil ankommt: Der Stil erklärt die Handlung. Jede Szene braucht ein eigenes Erzähltempo, kurze oder lange Sätze, kleine Absätze … Der gewöhnliche Leser weiß von solchen Anforderungen des Stoffs an die Sprache nichts. Dass ein Schriftsteller ein Mensch ist, dem das Schreiben schwerer fällt als Anderen, kümmert ihn nicht… Erst in der Sprache verdichtet sich die Spannung. Die Actionszenen entwickeln ein irres Tempo, aber die Sätze knirschen nicht vor Überlastung in den Gelenken, sondern bewegen sich so elegant wie Aaron. Sie liegen an den Personen wie eine zweite, gestaltgebende Haut.«
Für die Gestaltung von »Niemals« zeichnet übrigens Super-Typograf Erik Spiekermann verantwortlich, der mit seiner Guerillatruppe, der Süpergrüp, gerade die bibliophile Edition Suhrkamp Letterpress betreut. Eine Wertschätzung des Verlags auch das. (Ein ausführliches Gespräch mit Andreas Pflüger findet sich auf culturMag.de: »Ich bin ja nur das Gefäß meiner Figuren«.)

Alf Mayer
Andreas Pflüger: Niemals. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 475 Seiten, 20 Euro.
Endgültig. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 459 Seiten, 19,95 Euro, als TB 10 Euro.

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