Theaterhaus zeigt Schiller-Klassiker als Live-Hörspiel

Die Räuber (Foto: Katrin Schander)Großes Kino oder am Arsch die Räuber

Wie aktuell und fesselnd Friedrich Schillers Drama »Die Räuber« für junge Leute vermittelt werden kann, das hat zuletzt der Erfolg des Stückes »Verrücktes Blut« (Strandgut 10/2011) gezeigt, in dem eine Lehrerin ihre Klasse mit der Pistole zwingt, Szenen aus dem Klassiker nachzuspielen. Was gelingt, schließlich handelt es in dem 1782 uraufgeführten Werk um einen Reißer, der auch heute noch alles enthält, was Pubertierende ansprechen sollte: irre Typen in fürchterlich zerstrittenen Banden; Gutmenschen, die gegen die Reichen revoltieren; veritable Freedom-Fighter, die zum Aufstand rufen; eine Schaufrau, die nur den Einen liebt; dazu Killer, Habgierige, zwei Brüder im tödlichen Streit und einen Vater, der rein gar nix mehr kapiert.
Statt mit Waffengewalt will das Ensemble des Theaterhauses Jugendliche ab 13 Jahren mit der Faszination von Technik und Medienwelt für Schiller sensibilisieren. Die Musiker und Sound-Experten Oliver Augst und Marcel Daemgen haben dafür eine Live-Tonstudio-Performance mit extrem gestraffter Fassung für fünf Schauspieler konzipiert, die sie selbst musikalisch mit allen Finessen begleiten. Unter der Regie von Rob Vriens wird nicht nur so getan, als ob: Jede Vorstellung von »On Air – Die Räuber« wird mitgeschnitten und kann auf Youtube nachgehört werden: inklusive jedes Hüstelns oder der Bitte von Susanne Schyns an die Schüler, nicht mit Papieren zu rascheln.
Schon das Entrée ist ehrfurchtsgebietend studio-like. Ein langer frontaler Bühnentisch ist für sieben Personen mit ebenso vielen Mikros und reichlich Klanginstrumenten hergerichtet, darunter ein Plattenspieler und ein Uralt-Synthesizer. Vor jedem einzelnen Mikro steht ein beschriftetes Kästchen, das der jeweilige Sprecher aufleuchten lässt, wenn er etwas sagt, und das dann anzeigt, welche Rolle er gerade spielt. Als Moderatorin führt Susanne Schyns nicht nur in die Entstehungsgeschichte des Schiller-Stücks ein, sondern erklärt auch nicht ganz einleuchtende Sprünge oder Ortswechsel. Selbst wenn, wie in Tonstudios nun mal gegeben, auf Kostüme und Dekoration verzichtet werden kann, tragen Gesten und eingestreute kleine Spielszenen dazu bei, dass die Optik nicht zu kurz kommt. Das nicht eben schillertreue Ende mit Franz und Amalia, so viel sei verraten, wird ganz großes Kino.
Trotzdem verlangt die so ansprechende wie anspruchsvolle Aufführung den jungen Zuhörern einiges an Disziplin, Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen ab. Dabei fällt nicht einmal ins Gewicht, dass die unterlegte Musik vom Mozart-Requiem bis zum DJ-Scratch selbst von Erwachsenen in ihrer Fülle kaum zu erfassen ist und dass manches, wie Franz Moors schönes Lamento, er habe »große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein«, von einem Stimmen-Crescendo verschluckt wird, das sich nicht recht erschließen will. Stimmen das Alter (ab 13) und das Wissen – Hallo Lehrer, hallo Eltern: euer Job –, dann dürfte die großartig collagierte Arbeit über das Vergnügen hinaus viel zum Nachdenken und Nachhören geben. Stimmen sie aber nicht, dann: am Arsch die Räuber.

Winnie Geipert
Termine: 15., 16., 17. Juli, 11 Uhr; 18. Juli 19 Uhr. www.theaterhaus-frankfurt.de

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