Staatstheater Wiesbaden: »Die Letzten«

Die Letzten (Foto: Lena Obst)Nichts geht mehr

Staatstheater Wiesbaden zeigt Maxim Gorkijs pessimistisches Drama »Die Letzten«

Ein glatter Wasserfilm erstreckt sich hinter dem kniehoch gelüfteten Eisernen Vorhang über den gesamten Bühnenboden und spiegelt die Lichter und Gestänge der Deckentechnik im Kleinen Haus des Wiesbadener Staatstheaters so klar, dass man für einen Moment in die Tiefe zu sehen meint. Bis dann zwei Frauenbeine in Pumps kleine Wellen schlagen, tatsächlich alles Wasser.

Doch es ist kein Rohrbruch und auch keine Überschwemmung, von der die düstere und karg möblierte Wohngruft der Familie Kolomizew heimgesucht wird, sondern eine Regie-Idee von Markus Dietz und Bühnenbildnerin Mayke Hegger. Durch den halbmeterhohen Spalt der fahrbaren Rückwand muss krabbelnd oder auf dem Bauch rutschend ein jeder in das schwarze Dauernass, der an der Rampe etwas zu sagen oder von dort zu verschwinden hat. Aber auch sonst klatschen die Darsteller öfter in diese dunkle Brühe: aus Schwäche, im Kampf, beim Sex oder so wie die verkrüppelte Ljubow, der ihr Brutalobruder Alexander mal so eben im Vorbeigehen die Krücke wegtritt.

Eine den Halt verlierende Gesellschaft vermittelt uns das unbehagliche kalte Bild. Im Fall der Kolomizews aus Maxim Gorkis Drama »Die Letzten« von 1907 ist es die zaristische unter dem Druck des aufflammenden sozialen Widerstandes. Doch schon das Crossover-Outfit der Protagonisten macht klar, dass sie für alle, nicht nur die russische Putins steht, in denen sich Korruption und Willkürherrschaft innig umarmen.

Iwan Kolomizew (Michael Birnbaum) ist als Oberhaupt dieser Sippe das, was man wohl ein Schwein nennen darf. Ein rechthaberischer gefühlloser, gerade suspendierter Polizeichef, der Menschenleben auf dem Gewissen hat und sich zuhause als saufender und hurender Tyrann gebärdet, der auch vor dem Inzest nicht zurückschreckt. Er lebt mit seiner fast resignierten Frau Sofja (Susanne Bard) und fünf Kindern im Hause seines vom Tode gezeichneten, aber vermögenden Bruders Jakow (Rainer Kühn), in dem man unschwer den paternalistischen Geist des alten Systems erblickt, der ausgenommen wird wie eine Gans.

Iwan hat mit einer Falschaussage einen so genannten Terroristen in U-Haft gebracht und sieht sich plötzlich in Erklärungsnot gegenüber Sonja und vor allem gegenüber seinen jüngsten Kindern Wera (Magdalena Höfner) und Pjotr (Fabian Stromberger). Um die Desillusionierung dieser zwei »Letzten« der Familie rankt sich denn auch das schwarze Stück. Es sind die beiden einzigen, die am Ende andere sind als zu Beginn. Pjotr säuft, und Wera schlägt dann doch den älteren Geschwistern nach, die sich längst dem schlechten Ganzen angepasst haben: der tumbe Schläger Alexander (Nils Kreutinger) und die auf jeden Vorteil bedachte luxusgeile Nadeshda (Sybille Weiser). Nur Ljubow (Franziska Werner) ist, so übel ihr mitgespielt wird, als trotziger Krüppel außen vor und erfährt wie zum Trost von der Mutter in deren letztem Akt des Aufbegehrens, dass Jakow ihr wahrer Vater ist. Und dass Iwan sie dieses Verdachtes wegen als Säugling zu Boden schmiss.

Harte Kost, aber prima in allen Rollen serviert. Dass man mit solchen Typen keinen Staat machen könnte, wäre aber ein krasser Fehlschluss.

Winnie Geipert
Termine: 13., 20. November 19.30 Uhr
www.staatstheater-wiesbaden.de

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