Schauspiel: Kay Voges inszeniert »Königin Lear«

Shakespeare trifft Blockupy

Auch wenn es sich nicht so anhört. Tom Lanoyes Drama »Königin Lear«, das die Saison am Schauspiel eröffnet, ist vielleicht das erste echte Frankfurt-Stück der Intendanten-Ära von Oliver Reese. Dabei lehnt der belgische Autor nicht nur im Titel seiner 2015 entstandenen Arbeit an William Shakespeares an, sondern er bleibt auch in Sprache und dramatischem Ablauf dem Vorbild nahe.
Im Unterschied zum amtsmüden König, der sein Land an seine Töchter verteilt und so seinen Untergang heraufbeschwört, splittet die vom Burn-out gezeichnete Elisabeth Lear ihren global agierenden Mischkonzern unter drei Söhnen auf. Während dort Cordelia sich weigert, dem alternden Vater devot zu heucheln und so enterbt zur Kämpferin für die Freiheit wird, ist es hier Cornald, der sich nicht verbiegen will und lieber fern vom pfuien Financial District für nachhaltige Ökonomie-Modelle in Schwellenländern streitet. Mit reduziertem Personal und leichten Anpassungen schafft es Lanoye, den Lear ohne Verbiegungen zu übertragen, auch wenn es hier Kent ist, der seine Augen verliert, und Peeping Tom als Junkie und gescheiterter »Blockupy«er aufersteht.
Spannend wird, wie Lanoyes apokalyptischer Blick auf eine aus den Rudern laufende Welt der Hochfinanz in Frankfurt ankommt. In keiner anderen deutschen Stadt dürfte das Vokabular, das sich die Erben in ihren Diskussionen um die Ohren schlagen, geläufiger sein. Wie präzise der Belgier mit klassischen Stoffen umzugehen weiß, war indes schon im Frankfurter Titania zu erleben, wo das Freie Schauspiel Ensemble vor zwei Jahren »Atropa« (Regie: Reinhardt Hinzpeter) aufführte, ein Stück, das auf Basis klassischer griechischer Troja-Dramen den Irak-Krieg mit nahtlos eingepassten Zitaten von George Bush und Donald Rumsfield thematisiert.
Auch vom Regie-Pionier Kay Voges hat es in Frankfurt bereits Kostproben gegeben. Seine Inszenierung von »Endstation Sehnsucht« und das Gastspiel mit Sara Kanes »38.2º« demonstrierten an zwei völlig unterschiedlichen Sujets, wie er das Credo des Theaters, authentisches Bühnenerleben zu bieten, mit modernster Live-Filmtechnik verbindet. Voges, der eine Zeitlang als Nachfolger von Oliver Reese gehandelt wurde, hat dazu ähnlich wie die Dogma-Filmer eine eigene Charta formuliert. In der »Königin«, so ist zu erfahren, will er das medial vernetzende Monitoring der Börsenwelt wie auch die vertraute stahlgläserne Hochhausszenerie – die Handlung wandert von der Top-Etage eines Wolkenkratzers in den Keller und mit Abstecher in der Straßenschlucht zurück aufs Dach – ins Bild setzen.
Freuen darf man sich auch darauf, dass es für die wunderbare Josefin Platt endlich eine altersgerechte Hauptrolle am Schauspiel gibt. Der Part des abtrünnigen Cornald ist mit der jungen Carina Zichner dem aus dem Schauspielstudio übernommenen Shooting-Star des Ensembles übertragen, der des Kent an Peter Schröder. Mit dabei sind Verena Bukal (Alma), Franziska Junge (Connie), Viktor Tremmel (Gregory), Lukas Rüpel (Hendrik) und Owen Peter Read (Oleg).

gt (Foto: © Lukas Gansterer)
Termine: 10., 12., 22., 23., 28., 29. September, jeweils 19.30 Uhr; 11. September, 16 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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