Schauspiel Frankfurt: »Glaube Liebe Hoffnung«

Schauspiel Frankfurt: Glaube Liebe HoffnungEin Albtraum in Sepia

Als einen Flash-back, eine Nachhallerinnerung, hat Andreas Kriegenburg Ödön von Horváths großes – und beliebtes – Krisendrama »Glaube Liebe Hoffnung« am Schauspiel Frankfurt inszeniert. Wir hören, noch bevor die Handlung einsetzt, wie der entkräftete Körper der lebensmüden Elisabeth in die Fluten klatscht. Und wir sehen diesen, noch bevor wir sonst etwas wahrnehmen, überdimensional und nackt als schöne Wasserleiche in embryonaler Haltung mit medusenhaft wild aufgelöstem Haar. Das Megafoto erstreckt sich über die gesamte Länge der nach vorne abfallenden trapezartigen Spielfläche und zeigt den Korpus, über den alles Geschehen rollen wird, als Parkett für den »kleinen Totentanz in fünf Bildern«.
Winzig dagegen, wie hingeworfen, nimmt sich auf Hüfthöhe die im dünnen Kleid identisch liegende Darstellerin Elisabeths, Lisa Stiegler, aus. Der Regisseur nimmt den bösen Ausgang des 1932 entstandenen Bühnenwerks vorweg, das von einer auf ihr kleines Glück pochenden jungen Verkäuferin handelt, die nach einem lapidaren Ordnungsvergehen rettungslos unter die Räder gerät. Die da liegt – und bald aufgeweckt wird – hat alles längst hinter sich, was Kriegenburg sie nun in gut anderthalb Stunden noch einmal durchleben lässt – als gelte es den Moment zu finden, von dem an ihr Schicksal anders hätte verlaufen können.  
Die Elisabeth so übel mitspielen, tauchen hier nur noch als Karikaturen auf, als deformierte bucklige Gestalten in schmutzigen Herbstfarben. Dieser Albtraum in Sepia kündigt sich als  Schattenriss im Gegenlicht am oberen Bühnenrand an, um nach dem Vorbild von Fritz Langs »Metropolis«-Arbeitern im Wiegeschritt über das Großbild  herabzuschreiten, an dessen Seiten sich haufenweise zeitbezogene Requisiten wie Schuhe, Radios, Aktentaschen und silberne Messingbecher stapeln. Düster. Zu den Klängen von Chopins Trauermarsch (Klavier: Gaby Pochert) lässt sich die reanimierte Elisabeth nur zögerlich auf die Handlung ein, die von den laut gesprochenen Regieanweisungen Horvaths vorwärtsgetrieben wird. Es dauert bis ihre Erinnerung greift, ihr erster Auftritt vor der Anatomie wird noch von Franziska Junges Maria, der anderen Unglücklichen in diesem Stück, gesprochen.
Lisa Stiegler gibt Elisabeth als eine ihr Schicksal wissende, es aber noch immer nicht fassende Figur, wie in Trance neben sich stehend, manchmal. Doch in ihren Begegnungen mit dem Polizisten Alfons Klostermeyer (Lukas Rüppel) und dem ihr helfenden Präparator (großartig: Felix von Manteuffel) glimmen auch Gefühle auf, die den Zipfel ihres Traumes vom Glück zu bergen scheinen, den sie zu greifen versucht. »Das seh‘ ich schon ein, dass es ungerecht zugehen muss, aber es könnt doch alles auch ein bisschen weniger ungerecht zugehen«, legt Horváth ihr in den Mund. Das ist stark gespielt von Stiegler, beeindruckend, rührend gar, lebt aber auch davon, dass sie Szene für Szene mit ihren durchgängig präsenten Bühnenkollegen interagieren und gestalten kann. Auch wenn Franziska Junge in der Rolle der Maria und als Sängerin der Bach-Kantate »Ich habe genug« einen Extrahinweis verdient, beweist das Schauspiel-Ensemble einmal mehr seine große Klasse. Eine meisterliche Saisoneröffnung.

Winnie Geipert
Termine: 7., 12., 29. November, jeweils 19.30 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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