Schauspiel Frankfurt: Der Weiße Wolf

Schauspiel Frankfurt: Der weiße Wolf (Foto: Birgit Hupfeld)In den Untiefen der deutschen Gesellschaft

Es ist ein Nicht-Ort, an dem sich das Neonazi-Pärchen eingerichtet hat. Irgendwas zwischen Baracke und Hausruine am Rande keiner großen Stadt, unwirklich, wie irregeleitet in einem Fast-Gewerbegebiet, das keines geworden ist. Nur Stroer war schon da und hat das Gelände mit einer einsamen Plakatwand pointiert. Ihr erstes von sieben deutschen Kindern will Janine hier zur Welt bringen, allesamt Mädchen, die jeweils wieder sieben kriegen sollen, dann aber Jungs. Das ist auch eine Utopie: 49 deutsche Enkel. Und fast eine Idylle, in der sie mit Gräck lebt, der für eine Disco den Türsteher macht.

Bis dann Tosch hereinplatzt, der die Bleibe – oder ist es ein Versteck? – eigentlich gar nicht hätte kennen sollen. Und der dann das abenteuerliche Gestern in den Köpfen der beiden aktiviert. Und die drohende Distanz dazu. Die langen, langen Touren im Draußen vor allem, bei denen es wie selbstverständlich Tote gab. Und Landser-Hefte zum Vorlesen. Das gelebte Ideal, das hier im Niemandsland aufzuweichen droht: kein Plastik, kein vergifteter Fraß, kein Make-up – und auch kein »okay«, wird sie angeherrscht – »In Ordnung«. Und die Ficks mit ihr bringt Tosch in Erinnerung, im saftigen Gras auf schwarzer Erde, deutscher Erde, als er noch der Held war bei Janine, die sich wie selbstverständlich Fotze nennen lässt und selber nennt. Und die sich nehmen lässt, als Gräck gerade mal eine Autorunde dreht.

Es ist ein Unbehagen an der Kultur, das »Der Weiße Wolf« thematisiert. Ein nagender Frust, der die drei Protagonisten nicht in Ruhe lässt, zum Entladen drängt, und der sich dann mengt mit eskalierender Eifersucht und Rivalität. Der vom Schauspiel Frankfurt engagierte Autor Lothar Kittstein hat das von seiner Umwelt isolierte Trio in Reaktion auf die Entdeckung der neonazistischen Terrorzelle NSU kreiert, ohne dokumentarische Bezüge oder gar Parallelen herzustellen. Er erzählt seine fiktive Geschichte aus der Sicht Janines, wie man erst sehr spät erfährt – was alles offen lässt. Bis auf deren periphere Erinnerung an die »Sonnenwende« unterlässt es Kittsteins, seine Figuren geografisch und biografisch zu verorteten und entzieht damit soziopsychologischen Deutungen oder gar Erklärungen den Boden.

Stattdessen versucht er die explodierende Gewalt als Phänomen einer politisch keineswegs eindeutig zuzuordnenden »Sehnsucht nach Identität, nach Heimat in einer Welt, die zugleich aus den Fugen zu geraten und zu implodieren droht« (Spielzeitheft, April 2013) zu begreifen. Ob solch Sinnen tatsächlich tief oder lediglich dunkel ist, muss sich nun »auf der Reise in die Untiefen der deutschen Gesellschaft« weisen. Immerhin weist das Programmheft auf die von Bertelsmann koordinierte Medienkampagne von 2005, die als »Deutsches Manifest« das nationale Denken fördern sollte: »Wir sind 82 Millionen«, steht darin, »machen wir uns die Hände schmutzig. Du bist Hand. Du bist Deutschland«. Das nationale Vakuum, in dem der faschistische Terror entstand, könnte nicht besser beschrieben werden.

Am Frankfurter Schauspiel hat Lothar Kittstein bisher vor allem als Dialogschreiber der spektakulären Eins-zu-Eins-Theaterstücke von Bernhard Mikeska wie »Remake:Rosemarie« und »Making of … Marilyn « gepunktet. Der Regisseur Christoph Mehler kassierte zuletzt für »Kasimir und Karoline« auf der großen Bühne eher Prügel als Lob, wusste dafür aber im Kammerspiel, wo er nun wieder ist, mit »Hautnah«, »Gorge Mastromas« und »Des Teufels General« zu überzeugen. An der Seite von Torben Kessler und Sascha Nathan gibt Ines Schiller, die in der Region zuletzt in Mannheim (»Gespräche mit Astronauten«) zu sehen war, ein Gastspiel.

Winnie Geipert
Termine: 7. (Premiere), 14., 15., 22. Februar jeweils 20 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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