Paris auf Straßenhöhe

Zu Lebzeiten verkannt, später das Vorbild von Fotografen wie Walker Evans und Bill Brandt, zählt er heute klar zu den Größen der frühen Fotokunst. Er war der erste richtige Straßenfotograf. Dies mit einer sperrigen 18 × 24-Großformatkamera, ausgestattet mit einem Aplanat-Objektiv mit wahrscheinlich kurzer Brennweite, einem schwerem Holzstativ, zwei oder drei Kästen mit Glasplatten und einigen weiteren Utensilien – ein Minimum von 15 Kilo, die er täglich kilometerweit zu transportieren hatte. Eugène Atget (1857–1927) zog jahrzehntelang durch die Straßen und Vororte von Paris, um Prostituierte, kleine Gewerbetreibende, Gassen, Hinterhöfe, Fassaden, Parks , Straßenfluchten und architektonische Details aufs Bild zu bannen. Er war ein unermüdlicher Dokumentarist, trug flanierend und fotografierend eine umfassende Dokumentation seiner Wahlheimat Paris zusammen.
Abzüge der entwickelten Platten machte er bei Tageslicht auf Rahmen, die er auf seinem Balkon in der fünften Etage ausstellte. Das von ihm verwendete goldgetonte Zitratpapier gab seinen Bildern den charakteristischen bräunlich-roten Ton. Seine Arbeitsmethode produzierte Bilder von bemerkenswerter Präzision, die er nicht beschneiden musste. »Wahre« Bilder. Er unterschied sich damit radikal von der damaligen Ästhetik, war mit der Technik des 19.Jahrhunderts bereits ein Fotograf des 20. Jahrhunderts. Während der »Piktorialismus« triumphierte, die Kunst der manipulierten Bilder, die sich den Maltechniken anzupassen suchte, war er ein Einzelgänger, er ergriff Partei »für die Wahrheit«, fiel damit letztlich dann den Surrealisten auf.
Gar mancher Schriftstellerblick, gar manche Roman- oder Kriminalromanpassage, die ein Stück historisches Paris beschreibt, hat in Wahrheit eine Fotografie von Eugène Atget zur Vorlage.
»Monsieur, im Lauf von mehr als 20 Jahren habe ich mit meiner Arbeit und auf rein persönliche Initiative hin in allen Straßen des alten Paris Negative im Format 18 x 24 aufgenommen… Diese enorme künstlerische wie dokumentarische Sammlung ist inzwischen vollendet. Ich kann nun sagen, ich besitze das gesamte alte Paris … Da ich auf die siebzig zugehe und weder Erben noch Nachfolger habe, treibt mich die Sorge um die Zukunft dieser schönen Sammlung um. Sie könnte jemandem in die Hände fallen, der ihren Wert nicht kennt, und auf diese Weise schließlich verschwinden, ohne dass sie für die Nachwelt von Nutzen wäre“, schrieb er am 22. November 1920 an das französische Erziehungsministerium. Fast 100 Jahre später liegt nun sein Werk in einer wahrhaft demokratischen, spottbilligen Volksausgabe vor.

Alf Mayer
Eugène Atget: Paris. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Verlag Bendikt Taschen, Bibliotheca Universalis, Köln 2016. Hardcover, mit rund 500 Fotografien. 672 Seiten, 14,99 Euro.

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