Paradies: Hoffnung (Start: 16.5.2013)

Paradies: Hoffnung (Start: 16.5.2013)Auf den Rücken gefallen

»Paradies: Hoffnung« von Ulrich Seidl

Der Österreicher Ulrich Seidl ist der Insektenforscher unter den Regisseuren. Seine Insekten sind Menschen mit absonderlichen Eigenschaften. Wie Käfer krabbeln sie in seinen Filmen herum. Manchmal fallen sie auf den Rücken und kommen nicht mehr voran. Dann betrachtet Seidl sie mitleidlos. In seinen weniger gelungenen Filmen wie im »Busenfreund« könnte man glauben, er führe sie dem Publikum vor.

In »Paradies: Hoffnung«, dem Abschluss seiner »Paradies«-Trilogie zeigt er sich wieder auf der Höhe seines Könnens. Im Gegensatz zu den beiden Vorgängerfilmen geht es zuerst einmal um eine verordnete Aktion. Die pummelige Melanie, die Tochter der übergewichtigen Dame, die in »Paradies: Liebe« Anerkennung und Sex im fernen Afrika sucht, und die Nichte der Hardcore-Katholikin aus »Paradies: Glaube«, der monströs überzogenen Erweiterung einer Geschichte aus Seidls Meisterwerk »Jesus, du weißt«, soll abnehmen und wird aus diesem Grund von ihrer Tante in ein »Diät-Camp« gebracht. Sechzehn Jugendliche, Jungen und Mädchen, sollen mit Hilfe von sportlichen Übungen, ausgedehnten Wanderungen und spärlichen Mahlzeiten überschüssige Pfunde loswerden. Konterkariert werden die Bemühungen durch nächtliche Beutezüge in die Küche, und am Ende scheinen die Bemühungen des Camp-Personals nicht von Erfolg gekrönt zu sein.

Die besten Passagen des Films sind die Gespräche von Melanie und ihrer Zimmergenossin über die Erfahrungen mit Jungs. Wie in den beiden ersten Teilen der Trilogie erwacht Seidls besonderes Interesse, wenn es um Sex geht. Melanie ist noch Jungfrau und scheint sich danach zu sehnen, diesen Zustand loszuwerden. Sie verliebt sich in den Arzt des Camps, der sich erst geschmeichelt, später belästigt fühlt. Es stellt sich heraus, dass die Hoffnung, auf die der Filmtitel abhebt, nicht Melanies Abnehmen ist, sondern ihr Wunsch, »das erste Mal« zu erleben. Dabei geht Seidl mit bemerkenswertem Zartgefühl zu Werke.

Überhaupt ist »Paradies: Hoffnung« der coolste Teil der Trilogie, die übrigens die Geschichten dreier Frauen während des gleichen Zeitraums erzählt. Die Zuschauer, die den ersten Teil kennen, lachen, wenn Melanie ihre Mutter in Afrika anruft.

Seidl hat sich zum Abschluss jede Provokation verkniffen, weshalb der Film zu seiner Uraufführung im Wettbewerb der Berlinale auch recht verhaltene Kritiken bekommen hat. In seiner unaufgeregten Erzählweise mit den streng komponierten Bildern und ohne dramatisierende Musik macht er nicht gerade lautstark auf sich aufmerksam.

In der kompletten Trilogie entfaltet Seidl ein Panorama menschlichen Bemühens, das, wenn überhaupt, nur in kurzen Momenten von Erfolg gekrönt wird. Das Paradies scheint nur kurz auf, ist im Grunde aber nicht von dieser Welt. So gesehen, ist Ulrich Seidl entweder ein Nihilist – oder vielleicht sogar ein religiöser Mensch.

Claus Wecker

PARADIES: HOFFNUNG
von Ulrich Seidl, A 2013, 91 Min.
mit Melanie Lenz, Joseph Lorenz, Verena Lehbauer, Johanna Schmid, Michael Thomas, Vivian Bartsch
Drama / Start: 16.05.2013
Strandgut-Preview:
Wir verlosen 15 × 2 Freikarten für die Premiere am Mittwoch, dem 15. Mai, 19:00 Uhr in Orfeos Erben. Rufen Sie uns am Di., dem 14.5., um 10:00 Uhr unter der Tel.-Nr. 069/97 07 41 99 an. Wer bei dieser Aktion leer ausgeht, kann eine Karte an der Kasse erwerben.

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