Palmengarten: Aus der Neuen Welt

Palmengarten: Aus der Neuen Welt (Foto: Palmengarten)Pflanzen mit Migrationshintergrund

Zwischen Markthalle und Paradiesgarten siedelt die Pflanzen- und Früchteschau »Aus der Neuen Welt« im Palmengarten. Kein Wunder, dass man bei all den bunten Früchten, Blüten und Bildern schon bald mitleidig an unsere nichtsahnenden Urahnen denkt. Die Armen: Keine Kartoffeln hatten sie, keinen Mais, was ja noch irgendwie ging. Aber auch keine Tomaten, keinen Kakao, keine Avocados. Ja nicht einmal Erdbeeren, Papaya und Maracuja! All das, und noch viel mehr kam erst aus Amerika!

Von vielen bei uns längst kultivierten (sic!) Nahrungsmitteln kennt man den amerikanischen Migrationshintergrund: von den legendären Kartoffeln, der Chili-Schote sowieso, der Ananas, der Cranberry, dem Ahorn-Sirup. Nicht jeder aber hält die Sonnenblume, den Kürbis, die Bohne und die Erdbeere für eingewandertes Gewächs. Oder, selbst wenn man ihr Holland nicht abnähme: die Tomate.

Die Sommerschau in der Galerie des Palmenhauses stellt 20 wichtige Nahrungspflanzen nebst Sorten vor, die nach Kolumbus & Co. den Weg aus dem frisch entdeckten Kontinent über den Großen Teich in die europäischen Mägen fanden. Sie geht auf ihre je spezifische Herkunft – von den Wäldern des Nordostens Amerikas über die Prärie und das Andenhochland bis nach Patagonien – ein und vermittelt uns ihre Geschichte und Geschichten. Darunter findet sich manche leidvolle, weil die Alte Welt erst lernen musste, dass man von Mais allein zwar satt wird, aber auch – durch die Mangelerscheinung Pellagra – tödlich krank; oder was an der Kartoffel, die wegen ihrer schönen Blüten lange nur als Zierpflanze galt, genießbar ist – und was an ihr tödlich, Dass der Bauer nichts isst, was er nicht kennt, hat durchaus vernünftige Gründe.

Der Alte Fritz musste jedenfalls tief in die Trickkiste des Marketings greifen, um die deutsche Skepsis gegenüber dem »Erdapfel« zu überwinden. Er ließ die Kartoffelfelder von Soldaten bewachen und löste so qua Neugier und Snob-Effekt den Siegeszug der Knolle zu einem der Hauptnahrungsmittel des Landes aus. Irland erfuhr, was das für Nachteile haben kann: Eine der Kartoffelfäule geschuldete Hungersnot führt zu einer Massenauswanderung von der Insel auf den Kontinent ihrer Herkunft.

Aber es geht nicht nur um Historie und Histörchen im Palmengarten, sondern auch um die Lebensmittelproduktion heute, Genmanipulation, Sortenverarmung, Wirtschaftsmonopole und agrarische Gegenstrategien wie Fair Trade und biologischen Anbau. Neben all dem nützlichen Wissen über Nutzpflanzen kommt mit Blumen und Bäumen aus der Neuen Welt zudem die Anschauung zu ihrem Recht. Fuchsien und Dahlien, Magnolien und Robinien sind vertraute Beispiele gelungener Integration, andere im freien Areal der Riesen-Mammutbaum oder der Zuckerahorn. Im Tropicarium schließlich finden sich Kakteen und Agaven, Kakao- und der Ananasbaum. Über den Sommer sind eine Vielzahl von Führungen, Seminaren, Workshops und Vorträgen auch im Rahmen des Sommerferienprogramms für Kinder und Jugendliche angesetzt.

Lorenz Gatt
Bis 22. September, täglich 9 bis 18 Uhr
Infos unter www.palmengarten.de

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