Nazim Oratorium – späte Wiedergutmachung eines Verfemten

Fazil Say (Foto: hr)Fazil Say selbst wird am Klavier sitzen, wenn das Sinfonieorchester und der Opernchor aus Wuppertal dessen Oratorium »Nazim« aufführen. Fazil Say, umtriebiger türkischer Pianist und Komponist, wurde in diesem Jahr mit dem Rheingau Musik Preis ausgezeichnet, just in dem Moment, als er von einem Gericht in Istanbul aufgrund »unrühmlicher« Zitate des persischen Philosophen und Dichters Omar Khayyam (10. Jahrhundert!) und damit einhergehender »Verunglimpfung« des Islam wegen »Blasphemie« zu 15 Monaten auf Bewährung verurteilt wurde.

Und eben das für einen Künstler, dessen patriotische Haltung eindeutiger kaum sein kann: neben einer Unzahl musikalischer Werke hat er insbesondere Sinfonien und Konzerte (wie eine »Istanbul-Sinfonie«) als hymnische Bekenntnisse zu seinem Land geschrieben, der Türkei. Einiges erklang mit großem Erfolg zu Beginn der Saison mit Fazil Say als Artist in Residence des hr-Orchester.

Nun traut sich die Türkische Gemeinde Hessen anläßlich ihres 20. Gründungstags an sein opus 9 aus dem Jahre 2001, ein Oratorium für Sänger, Klavier, Chor und Orchester zu Texten des türkischen Dichters Nazim Hikmet aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hikmet, ebenfalls ein überaus kritischer Geist seiner Zeit, schaffte es, trotz Publikationsverbot, langjähriger Haftstrafen,

zeitweiliger Auswanderung in die damalige Sowjetunion und Aberkennung der türkischen Staatsbürgerschaft, sich zu einem der bedeutendsten Dichter seines Landes aufzusteigen.

Erst nach seinem Tod wurde er gewissermaßen rehabilitiert und erhielt die Staatsbürgerschaft zurück. Interessant genug, daß trotz Publikationsversuchen von Hannes Wader und Hans Magnus Enzensberger in den 60er Jahren von den lyrischen Texten, die sich nicht ausschließlich dem Orient widmen, auch hierzulande nichts durchgesichert ist. Um so wichtiger und spannender scheint mir, sich einem großen Unbekannten auf gewissermaßen übersetzte, sprich: musikalisch gedeutete Weise zu nähern, dem eine kraftvolle, kämpferische, aber auch überaus lyrische Sprache

attestiert wird.

Ist nur zu hoffen, daß nicht irgendwelche Spione des selbstherrlichen Erdogan-Regimes im Publikum sitzen und auf textliche Verfehlungen des Dichters bzw. Komponisten Fazil Say spekulieren.

 

»Mein Land: Wie weit gespannt es doch ist;

reist man, so kommt es einem endlos, unendlich weit vor« (Nazim Hikmet)

Bernd Havenstein

Termin: 17. November, 20 Uhr, Alte Oper Frankfurt
Karten ab € 26,- unter 069/13 40-400 oder ww.frankfurt-ticket.de

2 Comments

  1. Anna Widmer
    14. November 2013
    • Strandgut
      14. November 2013

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