»Mustang« von Deniz Gamze Ergüven

Frühes Leid in Anatolien

Mit der Empfehlung einer Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film kommt »Mustang« drei Tage vor der Verleihungs-Gala in die deutschen Kinos. Offenbar hat die Geschichte von der Unterdrückung fünf heranwachsender Schwestern im tiefsten Anatolien auch die Mitglieder der amerikanischen Academy of Motion Pictures Arts and Sciences zutiefst gerührt. Und ganz bestimmt hegt der deutsche Verleih große Hoffnungen, dass der Film den Oscar gewinnen wird.

Die erste abendfüllende Arbeit der türkischen Regisseurin Deniz Gamze Ergüven ist ein Film, der gemacht werden musste. Man spürt förmlich, wie ihr das Thema der traditionellen Bevormundung von Frauen in der türkischen Provinz auf den Nägeln brennt. Sie erzählt von fünf junge Mädchen, die vor Lebensfreude und Energie sprühen wie junge Pferde. Nachdem sie sich zu Beginn der Sommerferien von ihrer Lehrerin verabschiedet haben, tollen Lale, Nur, Selma, Ece und Sonay mit ihren männlichen Schulfreunden am Strand herum. Als sie nach Hause kommen, ist aus der harmlosen Szene ein Dorfskandal geworden. Sie hätten sich an den Jungs gerieben, bekommen sie von ihrer Großmutter ziemlich rabiat vorgeworfen.
Noch heftiger reagiert der heimkehrende Onkel, der die Verantwortung für die verwaisten Mädchen übernommen hat. Das Haus, in dem alle wohnen, wird zu einem Gefängnis ausgebaut und der Prozess der Verheiratung der älteren Mädchen beschleunigt, solange sie noch Jungfrauen sind. Die Arrangements, bei denen die alten Frauen und Männer zusammenwirken, um einen Mann und eine Frau zu verkuppeln, die kaum einander anzuschauen wagen, gehören zum Bedrückendsten im ganzen Film – auch für einen männlichen Zuschauer.
Natürlich kommt es zur Gegenwehr der Mädchen, zu geheimen Ausflügen und zu heimlichen Liebeleien. Doch dass ihr Leben ausweglos in eine arrangierte Ehe mündet, mag Lale, die jüngste Schwester, die auch als Erzählerin fungiert, nicht hinnehmen. Sie schmiedet Fluchtpläne …
Der Film konzentriert sich auf die Perspektive der Mädchen. Weil er nicht Begründungen sucht, sondern sich mit Auswirkungen begnügt, kommt vor allem der autoritäre Onkel etwas holzschnittartig daher. Doch trotz ihrer engagierten Haltung lässt die Regisseurin den Zuschauerinnen und Zuschauern genügend Raum, sich neben Mitgefühl auch eigene Gedanken zu machen. Denn die Mädchenwelt ist unaufgeregt, manchmal poetisch mit einer dokumentarischen Kamera gezeichnet. Für den Oscar eingereicht wurde die türkisch-französisch-deutsche Koproduktion übrigens von Frankreich.

Claus Wecker (Foto: © Weltkino)
Mustang
von Deniz Gamze Ergüven
Drama
Start: 25.02.2016

Für die Strandgut-Preview des Films in der türkischen Originalfassung mit dt. Untertiteln am Mittwoch, d. 24.02., um 19 Uhr in Orfeos Erben in der Hamburger Allee 45 verlosen wir in Zusammenarbeit mit Weltkino 15 x 2 Freikarten. Rufen Sie uns am Dienstag, d. 23.02., ab 10 Uhr unter der Tel.-Nr. 069/97 07 41 99 an.

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