Museum Wiesbaden: Die Alten Meister

Giulia Gonzaga: Sebastiano del Piombo, Foto: Museum WiesbadenKruzifix trifft Sphinx

Es ist eines der jüngsten aller Kunstwerke im neu gestalteten und erweiterten Museum Wiesbaden, das den Weg zu den Alten Meistern weist: »Grapheme« nennt Robert Seidel seine gespinstige, Kopfhöhe erreichende Hänge-Installation aus hauchfeinem weißen, in wirre Formen und wilde Fäden zerzaustem Papier.
Leicht bewegt in Luftzug, fast schwebend wird die filigrane Arbeit aus teils farbigen Lichtquellen benetzt und mit einer ins Psychedelische gehenden Sight and Sound Show bespielt, die den Ort – wir sind im zweiten Stock vor dem Entree – in einen meditativ-sakralen Raum verwandelt. In seligen Hippietagen, hätte man sich wohl im Schneidersitz erst mal einen Joint gegönnt. Vielleicht wäre einem dabei ähnlich Schönes wie der Satz von der »ständig anhaltenden Verlebendigung unseres kulturellen Erbes« eingefallen, die der Kustos Peter Forster der Arbeit Seidels attestiert. So aber geben wir in einem unbeobachteten Moment der pennälerhaften Versuchung nach, die labile Konstruktion wenigstens einmal anzupusten.
Es sind nur zwei Schritte aus diesem Hightech-Tempel zu den Madonnen und Heiligen des Hoch- und Spätmittelalters. Man wähnt sich im Lichthof eines Puppenlazaretts, so viele versehrte, arm-, bein-, ja gar kopflose Skulpturen bevölkern die Erker im Rund dieses »Kirchensaal« genannten Oktogons, wo ein schöner, wenn auch schwertloser Heiliger Martin auf viel zu kleinem Pferd, den Empfang bereitet. Diesem kleinen symmetrisch angelegten Raum war schon bei seiner Errichtung vor 100 Jahren zugedacht, den ihrem Glaubensumfeld entrissenen Marien mit und ohne Kind, den Jüngern, Heiligen und Jesus-Figuren – einen würdigen, respektierlichen Ort zu gewähren. Der schöne Gedanke wirkt auch in der Neukonzeption der Sammlungsschau nach, die ihre Schätze nicht mehr chronologisch, sondern thematisch präsentiert. Überragend in jedem Sinne ist die mit ausgebreiteten Armen wie heranfliegende Kruzifix-Figur aus Linde aus dem 12. Jahrhundert, die aus dem Taunusstädtchen Walsdorf stammt und eines der wertvollsten Stücke der Sammlung ist. Unter den überwiegend um 1500 entstandenen Holzfiguren findet sich auch die thronende Madonna aus dem Kloster Schönau aus dem 13. Jahrhundert. Konfrontiert werden die Exponate mit der Holzskulptur »A Tale of Sphinx« von Katsura Funakoshi, einer mannequinhaften barbusigen Frau im Halbportrait mit langem, langem Hals, sowie einer Bodenarbeit »Morgenabend« des Israeli Micha Ullmann. Wie ein dunkelgrüner Teich mutet die mit dickem Glas trittfest verkleidete Quadratfläche inmitten des Raumes an, unter der angeleuchtetes Vulkangestein Anfang und Ende symbolisiert.
Neben religiöser Kunst, Landschaften, Stillleben und Mythologie gehören auch Porträts zu den Gattungsthemen der insgesamt zehn Räume der Alten Meister. Einen Höhepunkt bildet hier das Vis-a-vis der 1524 auf Schiefer gemalten edlen Giulia Gonzaga von Sebastiano del Piombo mit Anselm Feuerbachs »Nanna« und Tintorettos »Maria Robisti«. Der Hingucker im »Goldenen Zeitalter der Niederländischen Malerei« ist zweifellos Kazuo Katases »Raum eines Raums«, der sich mit zwei Arbeiten Jan Vermeers, und zwar »Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge« und »Die Malkunst« auseinandersetzt. Im Landschaftsraum werden Werke wie »Die Reisigträgerinnen« von Jean François Millet aus dem 19. Jahrhundert mit dem faszinierenden Kunstfilm »Reise zum Wald« von Jörn Stäger konfrontiert.

Lorenz Gatt
Museum Wiesbaden, Friedrich-Ebert-Allee 2
Mi. bis Mo. 10 bis 17 Uhr; Mo., Do. bis 20 Uhr
www.museum-wiesbaden.de

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