Museum Angewandte Kunst lädt ein zur »Picknick-Zeit«

Have a break im Krim-Krieg

Die Briten meinen zwar, sie hätten es erfunden, sprachlich aber geht es auf die Franzosen zurück. Sagt Charlotte Trümpler, die Kuratorin der die »Picknick-Zeit« in zahllosen ihrer Erscheinungen feiernden Ausstellung im zweiten Stock des Richard-Meier-Baus: Der aus »pique« (aufgreifen) und »nique« (Kleinigkeit) gebildete Begriff sei ursprünglich ohne jeden örtlichen Bezug für den Vorgang des gemeinsamen Bezahlens einer Mahlzeit verwendet worden.
Selbiges sei, weil es nicht in Wikipedia steht, hier anstandshalber erwähnt. Die neue Schau des Museums Angewandte Kunst MAK weist indes mit ihren zahllosen Exponaten und Zitaten auf eine sich über verschiedenste Kulturen und Zeiten streckende Vielfalt geselliger Kleingelage im Freien. Als eine Art Visitenkarte im Großformat grüßt am Eingang freilich die ironisch aktualisierte Variante eines Gemäldes, das jedem sofort zum Thema einfällt: Éduard Manets »Frühstück im Grünen« von 1868. Das männliche Personal der MAK-Adaption weist sich durch Baseball-Käppi mit Paris-Schrift und ein iPhone mit Headset als hip und heutig aus, während die schöne Nackte an ihrer Seite mit dezenten Tattoos aufwartet. Die beiden Naxos-Streetart-Künstler Gündem Gözpinar und Balázs Vesszösy haben auf dem Substitut für das im Musée d’Orsay verbliebene Original gar einen zünftigen Bembel und eine Bierflasche untergebracht.
Den Briten, die immerhin den Picknick-Korb kultiviert haben sollen, zollt die Ausstellung mit einem Extra-Raum angemessenen Respekt. Das vor allem in Adelskreisen mit Butler-Service zur Decke präferierte Vergnügen wird nicht nur mit ganz wunderbar designten historischen Picknickbehältern für vier bis sechs Personen dokumentiert, darunter eines, das exakt für den Platz unter dem Kutscher gebaut war. Auf Bildern und kleinen Filmen erfährt man die typischen Anlässe solcher Dine-outs: die Henry-Royal-Regatta von Cambridge, die Galopprennbahn in Ascot oder auch gerne mal ein Schlachtfeld. Tatsächlich wurden in der Heimat von Thomas Cook touristische Reisen zu den Kriegsfeldern mit integrierten Picknicks in guter Sichtlage organisiert.
Zu den Höhepunkten nicht nur der englischen Sektion gehören die hier in einem Paravent gehängten Zeichnungen von Hans Traxler, der sich im Auftrag der Aussteller sechs typische britische Picknick-Szenen einfallen ließ, darunter das anlässlich ihres 90. Geburtstags durchgeführte Picknick der Queen mit ihren Hunden und – saudoof schön – eine kulturelle Einübung in britische Sitten von Sir Livingstone mit Schwarzen in Afrika.
Große Picknicker scheinen indes auch die Schweizer zu sein, die ihre Bergbesteigungen selbst im Himalaya-Gebirge mit Picknicks krönten und die leeren Sektflaschen als Erstbesteiger-Zeugnis liegen ließen. Bebildert ist überdies das Happening des Schweizer Künstlers Daniel Spörri, der 1983 unter anderem mit Niki de Saint-Phalle ein Picknickbankett mit Geschirr, Flaschen und Essensresten für und von 100 Teilnehmer vergrub. Ein in Kupfer gegossener und so Kunst gewordener Abschnitt der 2010 von Archäologen teilweise wieder ausgegrabenen Tafel gehört ebenso zu den Exponaten der Schau, wie die eigens angefertigten Scherenschnitte von Schweizer Künstlern.
Auch Picknicke in Japan, in Indien und auf Friedhöfen in Mexiko werden in Bild, Ton und Werk gewürdigt. Und in der Türkei, deren Tradition sich in vertrauten Bildern von türkischen Großfamilien in deutschen Parks fortsetzt – und diese erklärt. Eine Leihgabe des Städel umfasst eine Auswahl von 40 Picknickbildern der früheren FAZ-Fotografin Barbara Klemm aus allen Teilen der von ihr bereisten Welt. Eine schöne Zeit und ebensolches Wetter kann man hier nur wünschen, zumal die Ausstellung und der das MAK umgebende Park mit zahlreichen Events zum Thema aufwarten.

Lorenz Gatt (Foto: ©  Julian Gerchow)
Bis 17. September: Di.–So. 10–18 Uhr, Mi. bis 20 Uhr
www.museumangewandtekunst.de

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