Das Mädchen Wadjda (Start: 5.9.2013)

Das Mädchen Wadjda (Start: 5.9.2013)Grün ist die Hoffnung

»Das Mädchen Wadjda« von Haifaa Al-Mansour

Das grüne Fahrrad muss es sein. Die zehnjährige Wadjda sieht es auf dem Dachgepäckträger eines fahrenden Autos vorüber ziehen. Da ist es um sie geschen, und es hilft nichts, dass ihr die Mutter den Wunsch auszureden versucht, weil Radfahren den Jungs vorbehalten ist. An Wadjda ist eben ein Junge verloren gegangen, wie man früher bei uns gesagt hätte.

Wadjda (Waad Mohammed) lebt in Riad, und in Saudi-Arabien sind Männer und Frauen nicht nur streng getrennt, Während sich die erwachsenen Frauen auf der Straße so zu verhüllen haben, dass Männer ihr Gesicht und ihren Körper nur erahnen können, haben kleine Mädchen ein Kopftuch zu tragen und sich immer zurückhaltend zu verhalten. Systematisch werden sie auf ihre Frauenrolle vorbereitet. Und darin ist es ausgeschlossen, dass sie selbst ein Auto oder ein Fahrrad fahren. Über die Räder herrschen die Männer.

Keine gute Ausgangslage für ein lebhaftes kleines Mädchen, das anders ist als seine Mitschülerinnen. Am liebsten spielt Wadjda mit dem gleichaltrigen Nachbarjungen, der sie auch mit seinem Fahrrad fahren lässt. Mit dem eigenen Rad könnte sie mit ihm ein Wettrennen fahren.

Wadjda geht mit westlichen Turnschuhen in die Schule. Sie hört westliche Popmusik, nimmt sie auf Musikkassetten auf, die sie verkauft bzw. als Tauschmittel einsetzt. Geschäftstüchtig ist sie ohnehin. Um sich das ersehnte Fahrrad zu finanzieren, verkauft sie selbst geflochtene Armbänder oder überbringt geheime Liebesbotschaften, wobei sie sich vom Sender und Empfänger bezahlen lässt.

Was es bedeutet, als verheiratete Frau in Saudi-Arabien zu leben, erfährt sie am Beispiel ihrer Mutter (Reem Abdullah, eine wahre Augenweide), die völlig von Wadjdas Vater (Sultan Al Assaf ) abhängig ist. Der lebt die meiste Zeit bei seinen Eltern und droht, sich eine Zweitfrau zuzulegen, die ihm einen Sohn gebären soll. Mit einem verführerischen roten Kleid versucht Wadjdas Mutter, ihren Mann an sich zu binden.

Es ist keine Überraschung, dass dieser Film von einer Frau geschrieben und inszeniert worden ist. Überraschend ist allerdings, dass die saudische Regisseurin Haifaa Al Mansour ihren Film, der unter dem Titel »Das Mädchen Wadjda« in unsere Kinos kommt, in ihrer Heimat gedreht hat. Es ist die erste saudi-arabische Kinoproduktion, aus einem Land also, in dem es aus religösen Gründen überhaupt keine Kinos gibt. Dass die deutsche Firma Razor mitproduziert hat, die vor Jahren am Selbstmordattentäterdrama »Paradise Now« und an »Waltz with Bashir« mitgewirkt hat, sollte noch erwähnt werden.

Haifaa Al Mansour ist jedenfalls ein Name, den man sich merken sollte. Ihre Inszenierung mit Schauspielern, die aus streng reglementierten TV-Serien in Saudi-Arabien bekannt sind, ist professionell bis in die Details, und sie erzählt von Wadjdas Emanzipationsversuch in einem wunderbar leichten Ton. Bei allen Widrigkeiten, mit denen Frauen zu kämpfen haben, gibt es Hoffnung. Wadjdas Nachbarjunge lässt sie eben nicht nur auf sein Fahrrad, sondern fühlt sich von ihr angzogen und macht ihr auch einen Heiratsantrag.

Claus Wecker

AS MÄDCHEN WADJDA (Wadjda)
von Haifaa Al Mansour, D/Saudiar 2012, 98 Min., mit Waad Mohammed, Reem Abdullah, Abdullrahman Al Gohani
Drama
Start: 05.09.2013

Add Comment