Landungsbrücken: Paradiesmedial beendet die Mülltrilogie »Grill den Hunger !«

Hört endlich auf zu klatschen!

Natürlich muss man lachen, wenn die Gruppe dem Fotografen nach der Aufforderung zum »Cheese« ein vollmundiges »Refugees« entgegenstrahlt. Oder wenn beim gemeinsamen Clap-along-Gospel von Michael Jacksons so very moving »Heal the World« der Ansager auf seine Mahnung, dass bei jedem Händeklatsch ein Kind an Unterernährung stirbt, nicht Betroffenheit erntet, sondern ein: »Dann hör doch auf zu klatschen, Mann!«
Es sind bei weitem nicht die einzigen Szenen an diesem Abend in den Landungsbrücken, deren sarkastischer Humor an das politische Kabarett von Matthias Beltz erinnert. Das liegt natürlich auch daran, dass das von Christoph Maasch und seinem Projekt Paradiesmedial konzipierte Stück ein Totschlag-Thema bedient. »Grill den Hunger!« titelt die Farce, die aus der frommen Perspektive unseres biosaturierten Alltags den millionenfachen Hungertod unter die Lupe nimmt.
Maasch kündigt sein Stück nicht von ungefähr als Kasperletheater an. Will sagen: Über hilf- und folgenlose Gestik kann auch sein Empören hinaus, bräuchte es doch aufgrund genügender Ressourcen Hunger nicht mehr zu geben – nur sind sie nicht so, die (Besitz-)Verhältnisse. Tatsächlich steigt die Schau mit veritablen Handpuppen und einer Kistenbühne ein, deren bekanntes Personal dort aber erst mal Pedro Calderons »Das große Welttheater« folgt. Das Mysterienspiel aus dem frühen 17. Jahrhundert handelt vom großen Schöpfer selbst, dem Meister, der sich auf der Welt-Bühne das Leben vorspielen lässt und dabei mit Grauen erfährt, was seine eigenen Kreaturen – der Reiche, der Arme, die Weisheit, die Schönheit, der Bauer, der Bettler und das ungeborene Kind – aus seinen Vorgaben machen.
Lebensgroß von Felix Bieske, Juliana Fuhrmann, Sebastian Huther, Linus König, Ursula Elisabeth Lövenich, Christoph Maasch und Birte Sieling verkörpert, purzeln die Puppen nun in unsere Zeit und finden sich am Gartengrill zu Deutschländerwürstchen und Schweinebauch ein. Kein schlechter Ort, um unter herzhaften Bissen über Gott, die Welt und die Haltung zum Elend zu fechten. Gängige Meinungen aus der Nordend-WG-Küche fügen sich mit Zitaten von Snickers (»Dann ist der Hunger gegessen«) bis Friedrich Dürrenmatt (»Uns kommt nur noch die Komödie bei«) zu einem Patchwork, das völlig ungetrübt von ›political correctness‹ bleibt. Ein bizarres Spiel, dem bisweilen nicht eben unabsichtlich sogar der Hungerleitfaden verlorengeht: Zwischen choraler Fürbitte und »Nackt im Wind« finden dann auch Heimat, Frauke Petry und die deutsche Vergangenheit Platz – und das Authentizitätsproblem auf der Bühne.
Nach »08-15-25«, der Pfandflaschengeneration gewidmet, und dem Selbstoptimierungsstück »Cyborgs« setzt »Grill den Hunger!« den Schluss- und Höhepunkt der warum auch immer so genannten Müll-Trilogie von Paradiesmedial. Ein fetter Spaß, ein sattes Vergnügen, das auf den Magen schlagen kann. Nicht zuletzt, weil  zwar nicht im Klatschrhythmus, aber doch alle zwölf Sekunden ein Kind an Unterernährung stirbt.

Winnie Geipert (Foto: © Landungsbrücken)
Termin: 4. Mai, 20 Uhr
www.landungsbruecken.org

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