Kunsthalle Schirn zeigt die verstörende Welt des US-amerikanischen Malers Peter Saul

Gegen den guten Geschmack

Was ist das denn? Eine Zündschnur am Kopf eines vierschrötigen gesichtslosen Mannes, eine riesige gelbgrüne Hand drückt von oben einen Zündknopf (?) auf dessen roter Schulter, ein überdimensioniert muskulöser Arm mit Operationsnaht, eine Pistole in der dickfingrigen Hand, rote Bombe (oder Melonenscheibe?) in der Linken, dünne Beine in unförmigen Schuhen, mit Zündschnur …
Könnte auch ein knallbuntes Graffito an einer verwahrlosten Unterführung sein. Oder das Machwerk eines 13-Jährigen. »Killer« heißt Peter Sauls Gemälde von 1964. Es ist noch eines der harmloseren unter den rund 60 Arbeiten, mit denen die Schirn den bereits 83-Jährigen, hierzulande dennoch nicht sehr bekannten Künstler würdigt. Das auffällige Plakat spricht bereits seine großen Themen an: Waffen, Gewalt, Sex, Mord, Konsum und Genuss. »Auf alle Fälle irgendwie links« verortet sich der gar nicht so alt wirkende Kalifornier, der persönlich zu seiner ersten europäischen Retrospektive erschienen ist. Eher anarchistisch wirkt auch seine Malerei, und ob man sie »Bad Painting« nennt, ist ihm egal. »I’m doing some damage to ›good taste‹, but that’s a good thing«.
Nicht nur dem »guten Geschmack«, auch dem selbstgefälligen herrschenden Bild der USA tut er Einiges an. So werden seine Bilder von den 60er Jahren an explizit politisch und ihm nicht unbedingt Ruhm und Ehre zuteil: Vietnam, der grinsende Ronald Reagan, George Bush in Abu Ghraib, und immer wieder die Superhelden in verrückten Positionen: Superman auf dem Klo mit Superdog, die Exremente leckend, Donald Duck mal am Kreuz, die kleinen Schweinchen »Justis«, »Powur« und »Munny« ebenfalls gekreuzigt: In Unterhosen, blicken sie entsetzt auf Angela Davis als Opfer vor dem Gefängnis St Quentin. Auch die Sprache ist vor Saul nicht sicher. Andy Warhole wird zur Annie Warhooly und das MoMA zum Moozim of Modourn Art.
Er malt gegen den Dogmatismus der Abstraktion, figurativ aber nicht realistisch, verzerrt, vergröbert, verpoppt, immer knatschbunt, humorvoll aber nicht klamaukig. Wie auf einem Wimmelbild findet man fast überall: Kloschüsseln, Geschlechts- und Folterwerkzeuge, Nägel, Pistolen, das S von Superman (oder Saul?) und mehr. Manchmal versteckt er kleine politischen Zeichen: Hammer und Sichel auf den Mützen der gelben Männchen im »GI Vietnam Puzzle«. Auf »Mad Doctor« zieht eine klitzekleine Rotkreuzhelferente eine Zeigefingerhand mit der Aufschrift »Ouchwitz« hinter sich her.
Die Welt ist ihm passiert, sagt der Katalog von Peter Saul. So auch die antisemitischen Angriffe, denen er sich in seiner Schulzeit wegen seines jüdischen Nachnamens ausgesetzt sah – ohne Jude zu sein. Und diese Welt zeigt er uns in dieser fulminanten und verstörenden Schau in der Schirn.

Katrin Swoboda (Foto: Peter Saul
© Jeffrey Nintzel Bush at Abu Ghraib, 2006)
Bis 3. September: Di.–So 10–19 Uhr; Mi., Do. bis 22 Uhr
www.schirn.de

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