Kunsthalle Mainz: »Bruce Naumann – Ed Atkins«

Kunsthalle Mainz: Bruce NaumannKörperteile und Kinderfratzen

Wohl jeder hat als Kind schon probiert, wie weit sich seine Arme verdrehen, die Ohren ziehen oder die Lippen umstülpen lassen. Bruce Naumanns Arbeit »Rohmaterial-Brr«, die auf zwei aufeinander gestülpten Monitoren und einer Wandprojektion ein horizontal gestelltes Gesicht im scheinbaren Schüttelkrampf zeigt, erinnert an solche Erfahrungen – aber nur kurz. Von der kindlichen Neugier bleibt in den Körpererkundungen des US-amerikanischen Videopioniers  nichts zurück. Eher vermitteln sie, wie jetzt in der Kunsthalle Mainz, ein recht schreckhaftes Erleben der Materialität des menschlichen Lebens. Je angestrengter man das unter einem Schlabbergeräusch in einer Endlosschleife zitternde Antlitz in »Rawmaterial – Brr« zu fassen sucht – von Betrachten kann keine Rede sein –, desto mehr wird es zu einem Ding ohne Leben, dem Objekt eines industriellen Haltbarkeitstests.
Zurück in die Kindheit, zum Fratzenspiel, führt auch das Naumanns Video »Pulling Mouth« von 1969, das in kopfgestellter Großaufnahme eine mit den Fingern entstellte Mundpartie zeigt, die beim Betrachten jeglichen menschlichen Zug verliert. Dagegen scheint der auf dunklem erdigen Grund drapierte Oberschenkel wie ein Torso, den zwei Hände fortwährend unter Stöhnen knautschen und kneten, als gelte es, das Körperteil zu reanimieren und zurück ins Leben zu holen.
Die Kunsthalle Mainz konfrontiert ein halbes Dutzend von Naumanns teils schon im Status von Klassikern stehenden Werken mit denen des Briten Ed Atkins, eines Shooting-Star der Computerkunst. Während der 1944 geborene US-Amerikaner seine Existenz mit den Mitteln der Filmkunst auslotet, bedient sich der fast 40 Jahre jüngere Brite der Mittel der digitalen Moderne. Nichts in seinen Arbeiten gibt es in Wirklichkeit, schon gar nicht die vorgestellten Gesichter seiner Avatare.
Um ein mehr oder minder isoliertes Körperteil geht es etwa in dem mehrminütigen Streifen »Even Pricks«, der schon in der Schirn zu sehen war. Es ist ein gereckter Daumen, der dem Like-Symbol von Facebook entspricht und dessen Status als Phallus-Symbol unterstreicht. Bekanntlich zeigt der Daumen bei Facebook nur in eine Richtung. In permanent wechselnden Szenen wandelt sich das Thumbs-Up der römischen Herrscher zur phallischen Blase und dem luftballonartigen Abschlaffen, dann beginnt der Daumen sich mit der Hand zu einem Gewinde zu drehen, wird mit Wasser beträufelt, in eine Bauchwand oder eine Auge gebohrt. Atkins erzählt keine Geschichte, sondern feuert ohne erkennbare Stringenz Assoziationen seiner Wahrnehmung wie Salven ins Bild. Ein erst versteinerndes und dann zerbröckelndes Bett, Scherben, und das Gesicht eines in Pastelltönen gebettenen Affen und vieles mehr. »Even Pricks« bedeute nicht nur Stechen und Pieksen, sondern auch Arschloch oder Scheißkerl, heißt es.

Lorenz Gatt
Bis 26. Oktober: Di., Do., Fr. 10 – 18 Uhr; Mi. 10 – 21 Uhr; Sa., So. 11 – 18 Uhr
www.kunsthalle-mainz.de

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