Kimikolumne: BLUTIGE ERNTE

Roman aus einer Kriegszone

James Lee Burkes »Sturm über New Orleans«

An die 30 Plünderer habe er in New Orleans in den Nachwehen des Hurrikans Katrina erschossen, prahlte der Scharfschütze und Navy SEAL Chris Kyle, der gerade von Clint Eastwood in »American Sniper« zum Nationalhelden verklärt wird. Dieser Propagandafilm für den Hass in der Welt, in dem sich die Amis als ebenso dumm, engstirnig und selbstgerecht zeigen wie die »Gotteskrieger« auf der anderen Seite, war schon nach zwei Wochen der erfolgreichste Kriegsfilm aller Zeiten, aber das nur nebenbei.
Die Ungeheuerlichkeit, dass da ein Navy SEAL im eigenen Land die eigenen Landsleute abknallte, wird in den Medien ziemlich unter den Teppich gekehrt. Dort drunter liegt auch, dass nach dem Hurrikan Katrina im Jahr 2005 die schwarze Bevölkerung von New Orleans von der Regierung nicht nur im Stich gelassen, sondern die Stadt von der ärmeren Bevölkerungsschicht richtig gehend »gesäubert« wurde. Heute sind die Mieten um Vieles teurer, 120.000 der ehemals 450.000 Bewohner sind nicht wieder zurückgekehrt.
Mit bis zu 280 Stundenkilometern fegte Katrina Ende August 2005 über Meer und Land, forderte mehr als 1866 Menschenleben, richtete Schäden von über 125 Milliarden Euro an, setzte 80 Prozent des Stadtgebietes von New Orleans bis zu 7,60 Meter tief unter Wasser. Die wirtschaftlichen Schäden übertrafen die von 9/11 bei weitem. Vier Jahre nach dem Anschlag von New York und mitten im Irakkrieg Bushs wirkten die Fernsehbilder wie ein Schock. Unfassbare Zerstörung, hilflose Menschen auf Dächern, erbärmliche Flüchtlingskolonnen – und als Antwort der Regierung martialisches Militär. Es war, als ob der ferne Krieg plötzlich im eigenen Land angekommen sei. War er auch, in gewissem Sinne. Die Flutkatastrophe war von Wissenschaftlern vorausberechnet, es war genug gewarnt worden. Aber über Jahre wurden Bundesmittel gestrichen, die Reagan- und die Bush-Regierungen unterminierten im Namen der unternehmerischen Freiheit systematisch das Gemeinwesen. Als es darauf ankam, wurden Evakuierungspläne nicht in Kraft gesetzt, Hunderte von Schulbussen versanken ungenutzt in den Fluten. Eine Million Menschen wurden obdachlos, alle Versorgung brach zusammen. Mehrere hundert kommunale Polizisten verließen ihre Posten und waren für den Zusammenbruch mitverantwortlich. Weitgehend passiv blieb Lousianas Gouverneurin Kathleen Blanco, Präsident Bush schaute am dritten Tag auf dem Rückflug von seiner Ranch kurz vorbei, hielt, wie die »New York Times« fand, eine der schlechtesten Reden seiner Amtszeit, grinste in die Kameras und scherte sich ansonsten wenig. Was aber ging, war die Gesetze in Louisiana und Mississippi so zu biegen, dass der Ausnahmezustand erklärt und am 1.September 2005 das Kriegsrecht über New Orleans verhängt werden konnte. Die Gouverneurin forderte die Nationalgarde auf, Plünderer zu erschießen. Blackwater und andere private »Sicherheitsdienste« waren bereits in der Stadt aktiv, um die Liegenschaften einiger Wohlhabenden zu schützen. Ihre Söldner waren aufgerüstet wie im Irakkrieg, ihr Hauptquartier lag an der Ecke von St. James und Bourbon Street. Sie waren von der Homeland Security »deputisiert«, zu  Verhaftungen ebenso ermächtigt wie zum Einsatz tödlicher Gewalt. Der Kommandeur der Nationalgarde sprach von »Aufständischen«, von New Orleans als »Little Somalia«. Dave Eggers erzählt in »Zeitoun«  (2011) von einem syrischen Einwanderer, der in New Orleans bleibt, Leuten hilft, bis er von vermummten Schwerbewaffneten ergriffen und im Camp Greyhound interniert, dort wie ein Terrorist verhört wird. »Guantanamo in New Orleans«, betitelte »Die Zeit« ihre Besprechung.
Mit gehöriger Verspätung erscheint nun die wohl früheste literarische Beschäftigung mit dieser Katastrophe – James Lee Burkes Kriminalroman »Sturm über New Orleans« (The Tin Roof Blowdown) aus dem Jahr 2007. Der Pendragon-Verlag aus Bielefeld bringt damit einen der interessantesten Detektive der Kriminalliteratur zurück, den Polizisten Dave Robicheaux und seinen Freund Clete Purcel. Viele Jahre wurden die Romane von James Lee Burke nicht mehr ins Deutsche übersetzt, als Heyne jüngst »Regengötter« herausbrachte, erhielt dieses Buch sofort den Deutschen Krimi-Preis 2015, dies mit weitem Punktabstand vor den anderen Bewerbern. James Lee Burke ist ein geradezu majestätisch guter Autor. Sein literarischer Rang ist unbestritten. 78 Jahre alt, ist er ungebrochen produktiv. Zwölf Jahre lang erschien kein Buch von ihm in Deutschland. Eine Schande.
Nun also das ziegelsteindicke »Sturm über New Orleans«, ein dem Autor wichtiger Roman. Biblischer Zorn ergreift ihn, wenn die Rede auf das Thema kommt. Als ich ihn für eine Vorbemerkung zur deutschen Ausgabe ansprach, sagte er mir – so steht es jetzt auch in seinem »Gruß an meine deutschen Leser«: »Was damals in New Orleans geschah, das war nicht nur eine Naturkatastrophe, das war das größte Versagen einer Regierung, der denkbar größte Verrat an der eigenen Bevölkerung. Es war ein Verbrechen. Eine nationale Schande. Eine Wunde, die in den Geschichtsbüchern auf immer festgehalten bleiben wird. Manche sagen, dies sei mein politischstes Buch. Sicher ist es mein wütendstes. Nichts davon habe ich zurückzunehmen.«
Kurz zum Inhalt: Clete will noch einen Job erledigen, eher er sich vielleicht erweichen lässt, die Stadt zu verlassen. Dave fährt schließlich nach New Orleans hinein, um ihn zu holen – dann sind beide mittendrin. Mitten im Sturm, mitten in Gewalt, Verbrechen, Anarchie. Zwei schwarze junge Plünderer wurden erschossen, ein dritter grausam zu Tode gefoltert, die Drei hatten einen sadistischen Gangster ausrauben wollen, haben vielleicht die Tochter eines Versicherungsmannes vergewaltigt. Daves Familie wird von einem Soziopathen terrorisiert, in der überschwemmten und verwüsteten Stadt regiert das Faustrecht während die Menschen Fürchterliches erleiden. Bei James Lee Burke wird das zerstörte New Orleans zu einem archetypischen Ort, zu einem Schauplatz jenes gesellschaftlichen Konflikts, den Burke wieder und wieder in seinen Romanen dekliniert: die Schwachen gegen die Mächtigen. Er sagte mir: »Das wird sich nie mehr ändern, da habe ich eine klare Haltung. Ich traue Leuten nicht, die Macht und Autorität über andere wollen. Zu denen halte ich Abstand, soweit es nur geht.«

Alf Mayer
James Lee Burke: Sturm über New Orleans (The Tin Roof Blowdown, 2007). Aus dem Amerikanischen von Georg Schmidt. Bielefeld: Pendragon Verlag,  2015. 576 Seiten, 17,99 Euro.

Die Dave-Robicheaux-Romane:
–    The Neon Rain, 1987 (Neonregen, 1991)
–    Heaven’s Prisoners, 1988 (Blut in den Bayous, 1991)
–    Black Cherry Blues, 1989 (dt. 1992)
–    A Morning for Flamingos, 1990 (Flamingo, 1993)
–    A Stained White Radiance, 1992 (Weißes Leuchten, 1994)
–    In the Electric Mist with Confederate Dead, 1993 (Im Schatten der Mangroven, 1996 )
–    Dixie City Jam, 1994
–    Burning Angel, 1995 (Im Dunkel des Deltas, 1998)
–    Cadillac Jukebox, 1996 (Nacht über dem Bayou, 1999)–    Sunset Limited, 1998 (Sumpffieber, 2000)
–    Purple Cane Road, 2000 (Straße ins Nichts, 2002)
–    Jolie Blon’s Bounce, 2002  (Die Schuld der Väter, 2003)
–    Last Car to Elysian Fields, 2003
–    Crusader’s Cross, 2005
–    Pegasus Descending, 2006
–    The Tin Roof Blowdown, 2007  (Sturm über New Orleans, 2015)
–    Swan Peak, 2008
–    The Glass Rainbow, 2010
–    Creole Belle, 2012
–    Light of the World, 2013

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