Das Runde und das Eckige (54)

Und nun war es wieder soweit: Übernächtigt aus christkindl-erwartungsfrohen Äuglein blickend hauchten die (meist) Jüngelchen den zahlreich angereisten Morgenmagazin-Fernsehteams ihre Bekenntnisse zur iWirtschaft als konkretes Gegenmodell zur Marktwirtschaft in die Mikrofone. Und wie die kleinen Kinder in der Nacht vor dem Heiligen Abend vor Aufregung kaum ein Auge zu tun können, blieben auch sie in der Nacht vor der Bescherung wach, bibbernd nicht nur vor Kälte sondern mehr noch vor der Aufregung, die wahrhaft und gerichtsbestätigt originalen vier runden Ecken der fünften – wenn man das angehängte »s« mitzählt, sogar der sechsten – Generation in den Patschehändchen halten zu dürfen. Und live vor laufenden Fernsehkameras öffneten zitternde Hände ein kleines verschweißtes Päckchen, aus dem sie ein Wundergerät hervorzauberten, in das man unten reinsprechen und oben raushören kann. Zwischen hören und sprechen gibt‘s wundervolle Bildchen, deren Antippen die Welt verzaubern kann. Daß für diese revolutionäre Neuerung des mobilen Fernsprechens im günstigsten Fall mal eben 700 Euros hingelegt wurden, war der lebende (hä?) Gegenbeweis zum Armutsbericht von Frau von der Leyen. Zwar trieb allein die Ankündigung der Bescherung des Rundeckenkastens die Aktie des auftraggebenden Unternehmens (Hersteller sind sie ja schon lange nicht mehr) über die 700-Dollar-Marke und macht deren Besitzer nochmal dank ihres ungeheuren Innovationseinsatzes ein ganzes Stück reicher, aber sie machte zugleich Millionen Menschen überglücklich, und das ist ja auch ganz schön viel wert.

Nun bemühen sich allerdings ein paar professionelle Miesmacher den Nachweis zu erbringen, daß man für deutlich weniger Euros oder Dollars oder Yen genau so viel Glück erwerben kann: Oben hören, unten sprechen und dazwischen Bildchen tippen. Das war natürlich auch den Obstverkäufern aus Kalifornien klar, weshalb sie schon seit geraumer Zeit die anderen Kästchenverkäufer dem Plagiatsvorwurf aussetzten, sie also in die gleiche Ecke stellten wie jene schwarzafrikanischen Straßenhändler, die einem in Venedig und anderenorts Louis-Vuitton-Taschen zum Sensationspreis verkaufen. Nun sind natürlich die Sprechgeräte-Plagiatoren nicht so plump, ihre Kästchen (die mit unten sprechen und oben hören) mit der angebissenen Frucht der Versuchung zu schmücken, aber sie gaben sich dennoch eine Blöße: sie kopierten eine runde Ecke, nein, sogar vier. Also jenes Designmerkmal, was erstmals von jener Innovationsfirma aus Cuppertino erfunden wurde. Glaubt ja nicht dem Märchen, das hätte es schon vorher gegeben. Zwar gehört der Apfel mit zu den größten (aber auch genialsten) Ideenräubern der jüngeren Geschichte, aber sie haben zugleich das Prinzip des »Haltet den Dieb« bis zur Perfektion entwickelt. Als bösartige Verleumdung hat sich allerdings das Gerücht erwiesen, die kalifornische Wunderfirma hätte auch den Papst wegen patentverletzender Verwendung des Apfelsymbols in der Schöpfungsgeschichte mit der Begründung verklagt, dies Symbol sei schon seit des Urknalls mit Markenschutzrechten versehen worden. Wahrscheinlicher allerdings scheint der Prozeß gegen die Apfelbauern des Alten Landes wegen Verwendung des Symbols auf ihren Verpackungskisten. Zwar nicht angeknabbert, aber das sind Kleinigkeiten.

Als übles Gerücht hat sich auch erwiesen, das Mercedes-Benz vorm Patentgericht in Stuttgart-Untertürkheim gegen General Motors wegen der Verwendung runder Räder an motorgetrieben Kutschen klagt, ein eindeutiges Designmerkmal schwäbischer Genialität. Man hatte nämlich noch rechtzeitig festgestellt, daß es in Untertürkheim so etwas wie ein Patentgericht gar nicht gibt und man dieses aufgrund eines anderen Rechtssystems auch gar nicht mit Geschworenen aus Mitarbeitern und Familienangehörigen von Mercedes hätte bestücken können.

Nun muß ich aber aufhören. Mein iPhone gibt gerade Laut.

 

Jochen Vielhauer

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