Ja, wo laufen sie denn (77)

Loriots Knollennasenmännchen machten jenen Sketch endgültig berühmt, den Wilhelm Bendow und Paul Morgan 1926 auf Schellackplatte verewigten: der unbedarfte Besucher einer Pferderennbahn, der mit seinen Fragen den Kenner der Pferdehufmaterie in die Verzweiflung treibt:
A: Aaach, ist das schööön… Ach, ist das schööön… Ach, ist der Rasen schön grün!
B: Also, wissen Sie, seien Sie mir nicht böse, aber Sie sind ein selten dämlicher Hund!
A: Wer?
B: Sie!!
A: Ich??
B: Ja!!!
A: Nehmen Sie das eventuell zurück?
B: Wer?
A: Sie!!
B: Ich??
A: Ja!!!
B: Nee!!!!
A: Na, dann ist die Sache für mich erledigt.

Nicht erledigt allerdings ist die Sache für die zeitgenössischen Freunde und wohl auch Freundinnen des Frankfurter Rennbahngeläufs. Mit der geballten Macht bürgerschaftlichen Engagements stemmten sie sich gegen den Beschluss der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung, das Gelände der Galopprennbahn fürderhin dem Deutschen Fußballbund für ein bundesweites Leistungszentrum zu überlassen. Begründet wurde das Ende der Pferderennerei mit deren defizitären Situation, für die die Stadt nicht länger gerade stehen wollte. Zwar gab es ein treues Publikum, das allerdings mehr der Zockerei wegen als dem Anblick edler Huftiere den Weg nach Niederrad fand, aber in dem Millionenspiel um die hochgezüchteten und hochpreisigen Hottehühs brachten sie letztlich nicht mehr genug ein. Pferdewetten habe sich wie viele andere vom tatsächlichen Ort des Geschehens ja eh in die netten Gaststuben mit dem Untertitel Sportbars oder in die kleinen anheimelnden Geschäfte verlagert, die neben Wettscheinen hauptsächlich Telefonkarten feilbieten. Ja, und natürlich das Internet, das mittlerweile zum Zockerparadies Nummer 1 geworden ist.
Die Freunde echter Vor-Ort-Zockerei wollten sich nun ihren Spaß aber nicht von ein paar verbohrten und vorurteilsbeladenen Stadtpolitikern nehmen lassen und starteten eine Unterschriftensammlung für ein Bürgerbegehren, für deren Umsetzung auch schon mal der studentische Schnelldienst für 10 Euro die Stunde eingesetzt worden sein soll. Und Hurra: es reichte, um den Bürgern der Stadt Frankfurt im Juni einen gleichnamigen Entscheid aufzudrücken. Für 377 Wahllokale müssen nun jeweils mindestens fünf Bürger und Bürgerinnen gefunden werden, die sich einen Tag lang freiwillig in Kirchengemeinden, Klassenräumen und anderen öffentlichen Lokalitäten dem Ansturm der Pferdefreunde stellen. Dass sich viele Nichtunterstützer in die Wahllokale verirren werden, ist eigentlich nicht zu erwarten, auch wenn Umfragen ihnen eine Mehrheit von nahezu 80 Prozent zusprechen. So werden denn die Wahlhelfer ihre Aufwandsentschädigung vornehmlich für Lektüre verwenden, mit der sie die spannende Zeit während der Abstimmung verbringen. Eine Anfrage bei der galopprennenden Bürgerinitiative, doch auch aus ihren Reihen ein paar Wahlhelfer zu stellen, blieb bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet. Schließlich, so einer ihrer Unterstützer seien sie ja nicht für die (Fehl-)Entscheidung der Politiker verantwortlich.

So kann man das natürlich auch sehen.

Jochen Vielhauer

P.S.:
Ein Nachtrag zur Kopftuchdebatte: neulich in der U-Bahn habe ich endlich den erbitterten Kampf für das eng gebundene Kopftuch verstanden. Es eignet sich hervorragende zum Fixieren des Smartphones am Ohr, so dass beide Hände zur Versorgung des Kleinen im Kinderwagen frei bleiben.

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