Inside Llewyn Davis (Start: 5.12.2013)

Inside Llewyn Davis (Start: 5.12.2013)Bob Dylans erfolgloser Bruder

»Inside Llewyn Davis« von Ethan & Joel Coen

Ein Film über einen Musiker mit Songs, die bis zum Ende gespielt werden. Da ist eine Menge Respekt im Spiel, den die Filmemacher, Ethan & Joel Coen, erneut für Drehbuch und Regie verantwortlich, vor Llewyn Davis zu haben scheinen, dem Folksänger aus den sechziger Jahren. Noch nie gehört? Kein Wunder, diesen Llewyn Davis haben sich die Coens ausgedacht. Er ist der neueste Star in dem sonderbaren Universum ihrer Filme.

»Inside Llewyn Davis«, so heißen Film und Schallplatte des hoffnungsvollen Newcomers, gespielt von Oscar Isaac, der mit seinen dunklen Haaren und seinem Bart als dritter Bruder der Coens durchgehen könnte. Der Film phantasiert, wie es einem erfolglosen Folksänger im Greenwich Village des Jahres 1961 ergangen ist; was beispielsweise einem Bob Dylan hätte widerfahren können, wenn er mit seinen ersten Platten keinen Erfolg gehabt hätte. (Die Bob-Dylan-Fans mögen mir den Satz verzeihen.) Das Plakat des Films erinnert jedenfalls an das Plattencover von »The Freewheelin’ Bob Dylan«. Dort kommt Dylan mit einer Frau auf die Kamera zu. Auf dem Filmplakat ist Llewin Davis nicht mit einer Frau, sondern mit Gitarre und Katze auf der Straße unterwegs.

Mit der Katze, die, wie man später erfährt, den Namen Ulysses trägt, hat er sich gerade aus der Wohnung eines befreundeten Akademiker-Paares ausgesperrt. Mit der Gitarre eilt er zur nächsten Möglichkeit, vorzuspielen und endlich Geld zu verdienen. Die eigene Wohnung hat er längst verloren.

Bei dem Musikerpärchen Jim und Jean, prominent besetzt mit Justin Timberlake und Carey Mulligan, kann er sich nur im äußersten Notfall sehen lassen, weil er von Jean beschuldigt wird, sie geschwängert zu haben. Er sei »König Midas’ idiotischer Bruder«, schimpft sie, der alles ruiniere, was er anfasst.

Also ergreift er jede Gelegenheit, für die nächste Nacht eine Couch zu finden. Dass er einmal neben seiner künftigen Schlafstätte genauso einen Karton mit unverkauften Platten vorfindet wie den mit den eigenen, den er gerade verstauen möchte, gehört zu den genialsten Szenen des Films.

Irgendwo zwischen Homers »Odyssee«, die schon in »O Brother, Where Art Thou?« als sehr weit entfernte Vorlage diente, und Murphys Gesetz, nach dem alles, was schiefgehen kann, auch schiefgehen wird, haben die Coen-Brüder ihren Film angesiedelt.

Llewyns Odyssee beginnt im Gaslight Café mit dem letzten Song seines Auftritts, führt ihn nach Chicago und ins Pflegeheim zu seinem dementen Vater (eine der ergreifendsten Szenen) und wie einst seinen antiken Vorfahr wieder zurück zu seinem Ausgangspunkt. Im Gaslight Café wartet allerdings keine Frau auf ihn.

Es soll hier nicht verraten werden, was alles schiefgeht, aber so viel kann gesagt werden: Llewyns Versuchen, eine gesicherte Existenz zu finden, die eigene Misere zu verdrängen und für Bekannte nicht als Problemfall zu erscheinen, haben die Coen-Brüder zu einem grandios-komischen Überlebensdrama verarbeitet, das in der angelsächsischen Presse in höchsten Tönen gelobt wurde. Bei all seinen Schicksalschlägen empfindet man mit Llewyn eine Mischung aus Mitgefühl und Schadenfreude. Denn die Coens halten genau den Abstand zu ihren Figuren, der für diese Ambivalenz der Gefühle nötig ist. Man kann dies als den »Coen Touch« bezeichnen, und »Inside Llewyn Davis« zeigt ihn in Vollendung.

Claus Wecker

INSIDE LLEWYN DAVIS
von Ethan und Joel Coen,
USA/F 2013, 105 Min.
mit Oscar Isaac, Carey Mulligan,
John Goodman, Garrett Hedlund,
Justin Timberlake
Biopic
Start: 05.12.2013

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